Buchsucht

3. Dezember 2016, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Wie um 1500 Details der Buchtypografie entstanden

‏Die Erforschung der Geschichte der Buchgestaltung, die früher in engen Zirkeln stattfand, findet heute eine enorme Breitenwirkung. »Textkünste« untersucht die Seitengestaltung um 1500 und zeigt dabei, wie viel bereits damals über eine funktionierende Buchgestaltung nachgedacht wurde‪.‬ Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit der Detailtypografie um 1500. Es dauerte wohl ein Jahrhundert‪,‬ bis satztechnische Möglichkeiten einigermaßen gereift waren‪.‬

Zunächst wurden Handschriften kopiert wie sie auf den Seiten geschrieben waren. Doch immer mehr Details, die aus der Lesefunktion kamen, wurden ausgedacht und eingesetzt. Aus den Handschriften wurde zunächst das Rubrizieren übernommen. Initialen dienten nicht nur als Anfangssignal, ‬sondern lockerten Seiten auf, machten Texte übersichtlicher. Bald schon werden Hervorhebungen, unterschiedliche Schriftgrößen (im Buch Typenwechsel genannt) werden zur Akzentuierung benutzt‪.‬ Die Art der  Zeilenabstände, also dort,wo der Weißraum bereits wirksam für die Lesbarkeit ist, wie sich Absätze im Text herausbildeten, Überschriften immer deutlicher wurden, wie die Seite immer strukturierter wurde und bis hin zur Bedeutung der Doppelseite reicht: für die Entwicklung der Buchgestaltung sind das sehr deutliche und ursächlich prägende Schritte. Besonders spannend sind Seiten, auf denen verschiedene Textebenen vorkommen, was ja um 1500 schon stattfand. Im Buch wird von einer Mehrstimmigkeit der Seiten gesprochen.

‏Im zweiten Teil des Buches findet man sehr interessante Beiträge über den frühen Buchdruck in Leipzig oder über die Medienlandschaft dieser Zeit. Und zur Lesbarkeit wird die Geburt des modernen Buches als neues Denksystem bezeichnet oder wie Bücher über das Suchsystem Index gelesen werden können.


Jedoch ist zur grafischen Gestaltung des Buches zu bemerken: Das große Format erlaubt eine wunderbare Darstellung der abgebildeten Buchseiten. Diese stehen dann sortiert gut zu betrachten auf verschiedenen farbigen Papieren, deren Farben etwas fremd zum Thema wirken. Der Raster der Seiten und damit die generelle Gestaltung wäre großzügig und angenehm. Allerdings ist die magere serifenlose Textschrift für eine gute Lesbarkeit zu dünn. Die Schriftwahl für eine Darstellung von Büchern um 1500 ist wohl ziemlich unbedacht. Warum wurde das Thema des Buches hier mißachtet‪?‬ Und vielleicht wurde zu sehr an das Verhältnis der Kontraste zwischen der Basisschrift und den Paratexten gedacht. Hier lenken die viel
kräftigeren Fußnoten vom Lesen deutlich ab‪.‬ Wirklich schlimm sieht das Buch von außen aus‪.‬ Ohne die geringste Einfühlung oder gar Fantasie in brutalisierter Weise steht der Titel. Dann wird das Ganze noch in einen Folienumschlag gepackt. Sollen Bücherliebhaber abgeschreckt werden? Wirklich grausig.


Das Buch erschien zur gleichnamigen Ausstellung in Leipzig 2016/17.

‏Textkünste
‏Buchrevolution um 1500
‏224 Seiten, 120 Abbildungen
‏Format: 21,5 x 32,5 cm
‏Gebunden
‏Verlag Philipp von Zabern / WBG, Darmstadt 2016
‏Preis für die 2. Auflage 2017 (ohne Kunststoffumschlag): 29,95 Euro
(für WBG-Mitglieder 24,95 Euro)
‏ISBN 978-3-8053-5027-3

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