Buchsucht

2. Januar 2016, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

War die Neue Typografie wirklich so neu? Ein neuer Blick auf die 1920er Jahre

Beim Begriff »neuer Typographie« denken wir an Tschichold, bauhaus und das weitere Umfeld. War das in der Zeit der 20er Jahre wirklich so dominant und tatsächlich bestimmend? Liest man beispielsweise in den Biografien von großen Verlegern des 20. Jahrhunderts oder befasst sich mit der Geschichte der Druckereien so ergibt sich ein differenzierteres Bild. Wer war bestimmend für den Typographischen Stil dieser Zeit? Müssen wir umdenken?



Julia Meer, eine praxiserfahrene Kommunikationsdesignerin,  geht in ihrer Dissertation diesen Fragen nach. «Während die Neuen Typographen als Künstler zweifellos Avantgarde waren, lässt sich dies mit Blick auf ihre typographischen Leistungen nur bedingt behaupten ...«, so schon in der Einleitung zu ihrem Buch. Die Leistungen der Neuen Typographie gingen eigentlich schon früher von der graphischen Fachwelt aus, wobei die entscheidenden Persönlichkeiten kaum bekannt sind. Diese empfanden die Avantgarde sogar als unmodern und nicht professionell.

Meer prüft das Innovationspotential der Neuen Typografie und kommt rasch zum Ergebnis, dass das Neue der Neuen Typografie nicht so neu war, die Zweckmäßigkeit und Sachlichkeit bei Schriftsetzern längst allgemein üblich war. Daran hatte die englische Reformbewegung spätestens 1910 großen Anteil wobei auch hier schon das Ornament als überflüssig eingestuft wurde und die Persönlichkeit des Gestalters in den Hintergrund treten sollte. Auch der Einsatz von Maschinen wurde bereits befürwortet. Schon 25 Jahre vor Tschicholds Forderungen von 1925 wurde in der Zeitschrift Vers sacrum Mitteilungen in einfachster Form gefordert und auf das Wesentliche reduzierte Sachplakate gab es auch schon.



Zudem werden von Julia Meer erhebliche Mängel der Designgeschichtsschreibung festgestellt. Zum Teil haben sich die Gestalter selbst überhöht dargestellt wie Tschichold. Oder euphorische Monografien wurden von den Gestaltern nahestehenden Personen verfasst. Zudem fehlt die Abgrenzung zwischen Kunst und Design. Für das Graphikdesign und die praktische Typografie waren technische Erfindungen oft wichtiger als stilistische Festlegungen oder Strömungen.

Skeptisch betrachteten die Kreise der Buchdrucker, der Werbetreibenden und der Gebrauchsgrafiker die Programme der Avantgardisten und lehnten diese eher ab. Bei allen drei Berufsgruppen geschah dies aus verschiedenen Gründen. Die Buchdrucker hatten selbst schon an Entwicklungen gedacht und wollten sich von Künstlern nicht drein reden lassen, zudem sie die Arbeiten um die Neue Typografie zunächst als unprofessionell empfanden. Den Werbetreibenden war das Revolutionäre zu dogmatisch und zu wenig erfolgsorientiert. Die Gebrauchsgrafiker wollten lieber an »Stimmungen« für Ihre Kunden arbeiten und keine ästhetische Erziehung, wie es die Neue Typografie forderte, beginnen.

Aber schon einige Jahre später änderte sich die Situation indem immer mehr Elemente der Neuen Typografie in die Arbeiten der Mitglieder der einzelnen Gruppen mit einflossen. Die Ablehnung der Neuen Typografie wich einem dynamischen Umgang und einer Integration brauchbarer Elemente. Diese »Domestizierung« der Ideen wurde vor allem von den Fachzeitschriften der Buchdrucker gefördert. Über die Fachkreise hinaus kam die Idee durch Zeitschriften wie die Berliner Illustrierte Zeitung an die Öffentlichkeit, da diese den neuen Stil einsetzten. Tschichold befahl seine Postulate nicht mehr dogmatisch und anerkannte wichtige Fachleute des graphischen Gewerbes wurden mit einbezogen wie Renner, Ehmke, Trump und andere.

Im letzen Kapitel untersucht Julia Meer wie weit sich die Avantgarde professionalisiert hat. Zur Professionalisierung gehören:
Spezifisches Fachwissen,
Eine institutionalisierte Ausbildung mit zertifiziertem Abschluss,
Ein Verhaltenskodex und
Ein aktiver Berufsverband.
Eine wissenschaftliche Forschungen musste erst aufgebaut werden. Die institutionalisierte Ausbildung ist heute immer noch fraglich, da es nach wie vor Qereinsteiger und Autodidakten gibt. Das Verhalten hängt sehr stark mit der Persönlichkeit zusammen, ist allerdings 1924 mit der Londoner International Advertising Convention schon festgelegt  worden. Die Berufsverbände der drei Gruppen waren ohnehin zumindest zum Teil schon sehr aktiv. Das Thema ragt dann auch weit in unsere Gegenwart hinein.



Der Text dieser Dissertation ist klar geschrieben. Wiederholungen lassen sich durch die Recherche- und Forschungsintensität wohl nicht vermeiden. Die Typografie ist angemessen einfach und klar. Es gibt ein umfangreiches und sehr interessantes Glossar (120 Seiten). Leider klammert die harte Bindung, was das Lesen und Arbeiten etwas erschwert.


Julia Meer
Neuer Blick auf die Neue Typographie
Die Rezeption der Avantgarde in der Fachwelt der 1920er Jahre
380 Seiten
Broschur
Transcript Verlag, Bielefeld 2015
ISBN 978-3-8394-3259-4
39,99 Euro, also 40 Euro

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