52 Wochen tgm

5. März 2011, 0 Kommentare
Boris Kochan

Voll auf die Ohren!

Der Lautpoet Valeri Scherstjanoi macht aus Zeichen Töne 

und der Komponist Josef Anton Reidl aus Papier Musik 

11. Januar 2011, Museum Brandhorst

 

Das tönte! In gewisser Weise stieß das Vortragsprogramm der tgm im hallenartigen Souterrain des Brandhorst-Museums in eine neue Dimension vor: Zum ersten Mal gab es Zeichen weniger zu sehen als zu hören. Schrift wurde Laut. 

 

Es trat auf: Valeri Scherstjanoi, ein liebenswürdiger älterer Herr, mit dem man sofort losziehen würde, um Konfekt zu kaufen oder den Justizpalast mit anarchistischen Parolen zu verzieren. Scherstjanoi ist ein im sowjetischen Kasachstan geborener nordostpreußischer Russe litauisch-ukrainischer Abstammung, und „fast zuhause“, nach eigenen Worten, ist er in der deutschen Sprache. Beziehungsweise in einer Sprache, die dem Zuhörer anfangs sehr fremd vorkommt, ihn aber zusehends in ihren Bann zieht. Scherstjanoi nennt sie „lautdeutsch“.

 

Seine Gedichte haben Titel wie „Die russischen Vokale schauen sich im Spiegel an“ – und klingen auch so; oder sie bestehen aus einer Litanei untergegangener ostpreußischer Dorfnamen; oder sie feiern die Süßigkeit seiner Kindheit, das Fruchtgelee Rachat Lukum, mit immer wieder variierten Wiederholungen des Wortes, die sich permanent steigern, bis sie in einem geradezu sinfonisch vielschichtigen Lautgebirge kulminieren. Bei ihm wird alles Laut (nicht unbedingt laut); selbst wenn er nur die Wasserflasche öffnet und daraus trinkt, weiß man nicht, ist das jetzt ein Gedicht oder ist es keins.    

 

Scherstjanoi spricht, schreit, ächzt, gurrt, schnalzt, brüllt, röchelt, stottert, jauchzt, buht, schnarrt, flötet, summt, stöhnt, ruft, gurgelt, klickt, hechelt, säuselt, zischelt, schnarcht, dröhnt, knarzt, bollert, grunzt, muht, orgelt, pfeift, schnurrt, blökt, plockert, murrt, rackert, rödelt, rummst, rumort, ramentert und macht noch viel mehr Dinge, für die es gar keine Wörter gibt beziehungsweise für die die Wörter erst in dem Moment entstehen, wo man die Laute in den Gehörgängen hin- und hersausen lässt – er fluschzt, chcktickt, sietzelt, mmmhmt, schloddert, dengelt, braazt, ooht, määäht, oinkt, skrschlt, neeht, splorscht, ommmt, fltschtlt, brnnnstelt, klonkt und frmpfzlt, bis die Töne nicht mehr wissen, ob sie laut sein sollen oder luise.  

 

Übrigens notiert er auch die Laute auch als Zeichen, kann sie wiederholbar lesen und aussprechen; insofern ist also seine Kunst eine Art Musik mit einer von ihm entwickelten Notenschrift. Sehen, lesen und vor allem hören kann man Valeri Scherstjanoi auf seiner wunderbaren Webseite: lautland.de. 

 

Zwischen den Stücken von Valeri Scherstjanoi gab es noch eine Performance des Stücks „Paper Music“ von Josef Anton Riedl zu sehen, in einer sehenswerten Aufnahme des ZDF aus den frühen achtziger Jahren. Sechs Akteure machten dort, vereinfacht gesagt, Krach mit Papier – das raschelte und rappelte, klapperte und flatterte, bis die Mitwirkenden in totaler Erschöpfung und ebensolchem Chaos von der Bühne purzelten. Warmherziger, kräftiger Applaus des Publikums für die gesamte Veranstaltung, und der hundertzwanzigfache Jesus von Andy Warhol nickte huldvoll. 

 

Martin Rasper

 

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