Buchsucht

4. August 2018, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Verlorene Illusionen: Die Hochschule für Gestaltung Ulm

 

Die Hochschule für Gestaltung war zu ihrer existierenden Zeit ein Mythos und ist es in gewisser Weise noch heute. Sie hatte einen ganz besonderen Ruf von sehr hoher Qualität der Lehre und immer schwang dabei eine Ahnung mit, dass diese Institution vielleicht doch ein Bauhaus-Nachfolger wäre. Diese Meinungen werden jetzt klar gestellt durch ein Buch von Christiane Wachsmann. Sie schildert die Geschichte der Ulmer Schule von Ihren Anfängen an oder schon ab den Aktivitäten, die Inge Aicher-Scholl 1945 initiierte.

 

Die ganze Geschichte liest sich ziemlich niederschmetternd, da die hoch angesehenen Akteure wohl völlig zerstritten waren. Natürlich ist manches längst bekannt durch die Biografie über Otl Aicher ( eva moser: otl aicher, gestalter, siehe auch tgm-Blog 2012) und Veröffentlichen von Renè Spitz. Wogegen der Katalog von 1987 »Hochschule für Gestaltung Ulm. Die Moral der Gegenstände« eine relativ frühe Bestandsaufnahme war.

 

Die HFG ist aus der legendären Ulmer Volkshochschule »weiter« gewachsen. Es sollte zuerst eine politisch ambitionierte Hochschule werden, die sich gegen die sich wieder restaurierende Nazi-Tendenzen wenden sollte. Die Entwicklung lief anders, es ging in die Richtung Gestaltung. Dafür stand zunächst Max Bill, der ja immerhin ein gefühltes Halbjahr am Bauhaus studierte. Jedoch wollte er Klassen für Malerei oder Bildhauerei einrichten. Und das wollten andere Dozenten, vor allem Otl Aicher auf keinen Fall. Angewandte Gestaltung sollte nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten erforscht und realisiert werden. Gestaltung sollte nicht als Kunst laufen (ein Gedanke, der nach wie vor richtig ist, was die Künstler-Sozial-Kasse leider noch nicht bemerkt hat).

 

Die Frage „Wie sollen wir leben“ nach der faschistischen Katastrophe war die Frage nach 1945. Antworten wurden gesucht und nach einer Startförderung durch die amerikanische Besatzungsmacht versuchte eine kleine Gruppe Antworten zu finden. Und da waren nicht nur Bill, der alsbald das schöne Gebäude planen und bauen durfte, sondern neben Inge Aicher Scholl, Otl Aicher, Max Bense, Tomás Maldonado, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Hans Gugelot, sehr wichtige Persönlichkeiten am Werk, um nur einige zu nennen.

 

Der Unterricht an der HFG begann am 1. August 1953, mit einer sehr kleinen Gruppe Studierender. 1968 war dann alles vorbei. Die Diskussionen der 68er waren grundlegend, aber wohl hoffnungslos für eine Zukunft. Die Auseinandersetzung wurde sehr kompliziert, ein Kompromiss konnte leider nicht erreicht werden. Oft sehr vertrackte Zusammenhänge liest man heute kopfschüttelnd, wobei die Zeit des demokratischen Aufbruchs mit immer wieder nationalistischen Bremsern in den Behörden nicht vergessen werden sollte.

 

Dabei gab es trotz der vehement unterschiedlichen Parteien in der HFG so viele gute Ansätze und effektive Erfolge wie die Gestaltung der Braun-Geräte, das Erscheinungsbild der Lufthansa oder später die gesamte visuelle Gestaltung der Olympischen Spiele 1972.

 

Leider ist die Gestaltung des Buches weder von Ulm beflügelt noch nach Erkenntnissen heutiger Buchgestaltung relevant. Ein unentschiedener Satzspiegel des Textbandes mit gelegentlich eingestreuten Abbildungen, das Papier kalkweiß, also ungünstig für Lesende, die Fußnoten im Text  grau, also nur bei vollem Licht zu entziffern, die eigentlichen Fußnoten am Schluß des Bandes einspaltig. Der Ratschlag eines Typografen wäre vielleicht von Vorteil gewesen. Ebenso hilflos wirkt die Gestaltung des Umschlags. Vom Ulmer Geist keine Spur. Das Foto des Titels mag dokumentarischen Wert haben, attraktiv ist so eine gesamte Personenansammlung nicht und  die Art der Aufstellung sah man auch schon bei Veteranen des 1. Weltkriegs. Sehr schade für ein so wichtiges und gut geschriebenes Buch.

 

Christiane Wachsmann

Vom Bauhaus beflügelt

Menschen und Ideen an der Hochschule für Gestaltung Ulm

256 Seiten mit 40 Abb.

Hardcover

Avedition Stuttgart, 2018

ISBN 978-3-89986-286-7

29 Euro

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