Buchsucht

15. August 2017, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Unendlich viele neue Schriften

Wer die große Schrift-Ausstellung in Wien versäumt hat und wer sich für neue Textschriften interessiert, dem sei ein neues Buch empfohlen: »Subtext: Type Design zeitgenössisch-Lokal: Contemporary Austrian«. Hier geht es um neue Schriften die in Österreich oder mit Österreich entstanden sind; es geht um Schriften aus den letzten 20 Jahren.

Das Buch beeindruckt durch seine großzügige Gestaltung. Die einzelnen Schriftkünstler werden doppelseitig und schwarz-weiß (wie es sich für Schrift und Typografie gehört) vorgestellt und man sieht sie bei der Arbeit in ihren wunderschönen Altbau-Studios in Wien. Die Seiten mit den vorgestellten Schriften sind sehr vielfältig gestaltet. Sie erinnern an  Schriftmusterbücher und wie die eben aussehen.

Von den zahlreichen aufgeführten und abgebildeten Schriften bewegen sich viele auf dem Feld der Fantasie. Oft sind es ganz spannende Konzepte die zu einer Schrift führen. Aber wer braucht diese vielen Schriften? Anders ist es bei den eher wenigen Mengensatz-Textschriften, die für lange Texte und gute Lesbarkeit geeignet sind. Trotzdem freut man sich an der Vielfalt der vorgestellten Schriften.

Martin Tiefenthaler führt in einem höchst lesenswerten Beitrag in das Buch ein. »Die Wirkung einer Schrift liegt in diesem subtilen Spiel von Weiß und Schwarz, diesen winzigen Ausdehnungen und Interaktionen von Formen ... «, so Martin Tiefenthaler. 100 bis 1000-fach wiederholen sich Buchstaben auf einer Buchseite. Dabei kann eine Schrift zu gestalten kaum ohne fundierte Typografie-Ausbildung verwirklicht werden und bedeutet auch ein »Abarbeiten an der Typografie-Geschichte«. Zwar wird mit Schrift im Allgemeinen ähnlich schlecht umgegangen wie beispielsweise mit dem Klimawandel oder den Bildungssystemen (um nur einige Beispiele zu nennen, die Tiefenthaler brandmarkt). Lesen ist nicht nur eine geistige Fähigkeit sondern eine harte körperliche Arbeit. Darüber schreibt Tiefenthaler sehr exakt. Falls ein Schriftgestalter die Schriftgeschichte nicht kennt ist das in seinen Entwürfen zu sehen. Das gilt ja auch für anderes Design oder für die Kunst. »Matthew Carter, der verglichen mit seinen Schriften wie beispielsweise Verdana und Georgia als Gestalter nur wenigen Menschen bekannt ist,  hat einmal sinngemäß gesagt, dass ihm bei der Arbeit zuzusehen ungefähr so spannend sei wie einer Eismaschine beim Eis-Machen.«

Nun ist es sicher schwer, individuelle Formen für so wenig Zeichen, wie sie das Alphabet besitzt, zu gestalten. Sie müssen miteinander harmonieren. Tiefenthaler zitiert Giambatista Bodoni,  der in seinem Vorwort zu seiner »Manuale Typografica« geschrieben hat: »Indem man so alles, was zur Unterscheidung überflüssig ist, gleich macht und die Unterschiede so deutlich wie möglich hervorhebt, bekommen alle Buchstaben eine gewisse Gesetzmäßigkeit und Regelmäßigkeit, die Gleichförmigkeit ohne Zweideutigkeit, Verschiedenartigkeit ohne Dissonanz und Symmetrie ohne Verwirrung schafft.«

Tiefenthaler beklagt auch dass es in der Geschichte so wenig oder keinen österreichischen Gestalter gab. Das hat sich jedoch in der heutigen Zeit massiv geändert.

Die Paginierung des Buches ist rätselhaft: Das Vorwort ist mit kleinen römischen Ziffern paginiert (gibt es die überhaupt?), der Hauptteil wird zum Teil als Doppelseiten gezählt, Von Seite 189 geht es sofort auf der Widerdruckseite auf die Seite 416. Ich habe das nicht verstanden.

Hierzu die Antwort von Martin Tiefnenthaler: »… die einzelnen schriften sind durchnummeriert und unterstrichen,
manchmal über mehrere seiten, bzw. sogar mehr als eine doppelseite …
im schriftmusterteil mit den texten von menschen aus wissenschaft und kultur, die über ihre beziehung zu schrift schreiben, selber aber nicht professionell als schriftgestalterInnen damit zu tun haben [ausnahme spiekermann] wurde konventionell paginiert.
im index auf seite 476f. kann man das ganz gut überblicken. da sind die schriften mit ihrer schriftnummer (unterstrichen) und manchmal auch mit der üblichen pagina, wenn wir sie im schriftmusterteil für die texte angewandt haben. im personenregister wird’s dann noch komplexer, weil wir da zwischen autorenschaften, erwähnung in texten und schriftdesignerInnen unterscheiden und auszeichen mussten — das war eine interessante aufgabe«. Paginierungs-conzept-art!


Andreas Pawlik, Martin Tiefenthaler (Hg.)
Subtext: Typedesign
Englisch,  Deutsch
400 Seiten
700 Illustrationen
165 x 23o mm
Hardcover

39,90 Euro

Niggli Verlag, Salenstein 2017
ISBN 978-3-7212-0978-5

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