Vortrag

Gerd H.
Die Leerstelle
Eine Versuchsanordnung
Gerd Holzheimer


Wenn Form durch Abgrenzung entsteht, durch die Trennung von »innerhalb und außerhalb der Form«, wie wäre es dann, sich zu einem Vortrag zu begeben, der erst einmal ganz formlos ist? Der keiner Form nachgeht, keine Form vorgibt oder einhält? Halt – ausgenommen natürlich Ort, Datum, Uhrzeit ... sonst kann man sich ja nicht einfinden.
 
Und schon lauert die Frage: formlos, geht das überhaupt? Ist nicht alles Form, was von Menschen geschaffen wird? Natürlich ungeachtet der Qualität, die solche Form dann haben mag. Schon den Jüngsten unserer Spezies scheint ja der Wunsch nach Formgebung in die Gene gebacken. Selbst wo Kindertoben auf Unmut stößt, wird das Graben, Bauen, Formen in sogenannten Sandkästen weitgehend gelassen toleriert. Schafft es der Nachwuchs beispielsweise den in bunten Plastikförmchen festgeklopften Sand mit genau dem richtigen Schwung als Zinnen auf die Burgtürme (o.ä.) zu platzieren, dann ist das »oh, schön!« und korrespondiert auf diese Weise mit dem, was Max Bill die »Gute Form« nennt. Auf die ja auch der durchaus respektierte Designpreis der Bundesrepublik Deutschland verweist. Auch wenn die »Gute Form« ein wenig nach Sitte und Anstand riecht, etwa wie Lebertran, der wohl ganz gut wirken mag. Womit wir beim absichtsvollen Formgeben – dem Gestalt geben – wären, also den Profis, die sich im Formen einer Vorstellung von Form selbiger annähern und in diesem Prozess ebenso gefundene Formen umformen wie auch ihre Idee der Form weiter vervollkommnen. Ist das dann Reform?
 
Und wie sehr braucht diese Vorstellung die Leerstelle? Ist die Leerstelle dann das Innen oder das Außen von Form? Hilft es, sich einfach ein Puzzle vorzustellen mit ineinandergreifenden Formen? Kann es da die Leerstelle überhaupt noch geben in einer Welt voller Dinge? Voller Design? Informationen? Lärm? Sprache, gerade auch wenn sie in Schriftzeichen übersetzt wird, braucht einen solchen Ruhe- und Freiraum. Zum Rhythmisieren wie zum Luftholen. Nur so entsteht Verständnis, Klang, Eigenart. Leerstelle. Pause. Ohne Pause – keine Musik, keine Worte, keine Sprache.
 
Wo Referent wie Publikum auf jeden Fall in der Form ihres Lebens sind, können Sie übrigens ganz formlos kommen.



Referent
Gerd Holzheimer hat sich auf den Weg gemacht. Bei seiner Recherche durchstreift er die Landschaft zu Fuß, scheinbar unsystematisch, aber offen für alles, was am Weg liegt, quer durch Archive, Ateliers, Bibliotheken, Klöster, Dörfer, Felder, Wälder, Wirtschaften. Und so wird nach und nach aus dem zunächst Formlosen - dem Kürzel G.H. - der Vortragende Gerd Holzheimer.
 
Ein paar Fragen, die Gerd Holzheimer bei der Vorbereitung seines Vortrages gerade beschäftigen: »Die Leerstelle setzt einen Anfang und ein Ende. Aber das geht eigentlich gar nicht: das Nichts kann doch keine Grenze bilden! Entweder es gibt etwas oder es gibt nichts. Oder gibt es beides? So wie sich das Arbeiten eines Computers auf die Null und auf die Eins gründet. Auch ein Bild funktioniert natürlich nur über Leerräume, wir nennen das Raster. Gäbe es das nicht, sähen wir schwarz. Um sein Leben schreiben, heißt, es in Zeichen umsetzen: von der Biographie zur Typographie und von der Typographie zur Biographie.«
 
Gerd Holzheimer wurde 1950 in München geboren. Nach einer landwirtschaftlichen Lehre studierte der Sohn eines Landvermessers zunächst Germanistik, Geschichte, Politische Wissenschaften und Philosophie. Er promovierte mit einer Studie zur »Poetik des Gehens« und arbeitet als Lehrer, Literaturwissenschaftler und Autor für Funk, Fernsehen und Zeitungen. Er veröffentlichte Romane, essayistische Lexika und literaturwissenschaftliche Arbeiten, zuletzt »Tagmeier Mütze« und »Habe die Ehre!«.



Dienstag, 15. Juni 2010, 19:30 Uhr

Gasteig, Black Box,
Rosenheimer Straße 5,
81667 München


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