Typographische Gesellschaft München
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X und U: Typografie zwischen Ulm und Amsterdam
23. Forum Typografie an der HfK Bremen
Yvonne Schwemer-Scheddin
 
Das Forum-Thema: X und U
X und U sind die Pole zwischen denen die Visuelle Kommunikation an der HfK Bremen pendelt. Deswegen war es sinnvoll das diesjährige 23. Forum dort anzusiedeln.
Das X, das Wappen Amsterdams, eigentlich ist es das schottische Andreaskreuz, steht für das risikofreudige, sinnenfrohe holländische Design, das seit den 80er Jahren als vorbildlich gilt. Leitbilder sind Kunst und Alltag.
U steht für die legendäre Ulmer Hochschule für Gestaltung, die aus dem Credo „Nie wieder Krieg“ entstand und für ein neues Denken in einem nun demokratischen Deutschland konzipiert wurde. Ulm exportierte sein interdisziplinäres Konzept, die analytische Methodik und sein minimalistisches funktionales Design in alle Welt und wurde dennoch 1968 nach 14 Jahren geschlossen.
 
Der Wissensfundus und die Konferenzerfahrungen der HfK Bremen waren der Garant für eine gelungene und hoch interessante Veranstaltung. Dem Team gelang es auch, eine sehr lesenswerte Programmdokumentation und Positionsbestimmung herausgegeben.
Das Thema ganzheitlich, interdisziplinär, integriertes Design, multidisziplinär, cross-over, wie immer man es nennt, zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung.
Besonders vergnüglich war es zu beobachten, wie die Alten mit den Jungen sungen, denn ich denke es wurde begriffen, dass Position beziehen, authentisch sein, keine totalitären Ansätze sind.
Niemand versuchte einem ein X für ein U vorzumachen, stattdessen offene Diskussionen, wie sie nur in einem kleineren, nicht-kommerziellen Rahmen möglich sind.
 
Die HfK hat mit der Ausrichtung des Forums drei Anliegen unter einen Hut gebracht:
1. Diskurs zwischen unterschiedlichen Designpositionen, die dennoch ohne Ulm nicht zu denken sind, auch wenn junge holländische Gestalter wie Niessen & de Vries schmunzelnd gestehen, von Ulm hätten sich noch nie gehört.
2. Die Ehrung Eckhard Jungs und seiner exzellenten Lehrtätigkeit an der HfK Bremen.
3. Ein kleiner Ersatz für die interdisziplinäre Profile Intermedia, die bedingt durch den Wechsel im Rektorat und der daraus folgenden Mittelstreichung von der Hochschule nicht mehr veranstaltet wird.

 
Zwischen Analyse und Sein „Phantasie ist wichtiger als Wissen“, behauptete Albert Einstein. Aber ist es nicht eher so: kein Schwarz ohne Weiß, kein Tag ohne Nacht, keine Emotion ohne Ratio, kein X ohne U?
 
Peter Rea, Gestalter und Lehrender, bei uns vor allem bekannt für die internationalen, audio-visuellen Konferenzen Profile Intermedia – übrigens die besten Design-Konferenzen die wir hierzulande hatten – bewegt sich z. B. immer zwischen den Polen, so wie er auch zwei Hemden trägt. Er forscht, analysiert, liebt aber auch das „Schmutzige“, das avantgardistische Experiment. Grauschattierungen sind ihm wichtig, ebenso die Inspiration, die aus dem cross over von Kunst und Design entsteht. Sein Typografielehrer war Anthony Froshaug von der HfG Ulm – eine nicht einfache Erfahrung, aber prägend.
 
Auch Eckhard Jung hat als echter Ulmer den ganzheitlichen Ansatz in seine Lehre transportiert, aber auch das Sinnliche hinzugefügt. Analyse und Emotion in Verbindung mit einer typografischen Sichtweise sind die Grundlagen von Gestaltung. Damit wurde Jung einer der offensten und besten Lehrer der Visuellen Kommunikation. Deswegen hat das Museum Weserburg in Bremen die Ausstellung X und U ausgerichtet. Über 25 Jahre Lehrtätigkeit spiegeln sich in Projekten von 27 ausgewählten, ehemaligen Studenten, die heute in aller Welt arbeiten.
 
Die Ulmer Originale
Peter von Kornatzky, Kommunikationsdesigner und jahrzehntelang an der FH Darmstadt tätig, fing ganz eindeutig an: „Wer eine Position bestimmen will, braucht feste Bezugspunkte.“ Sein Bericht gab ausgezeichnet Auskunft über Ulmer Ziele und den Schulalltag. Ulm war nicht nur eine Schule für Gestaltung mit einem ganzheitlichen und radikal systemischen Ansatz, sondern für die Studierenden eine wahre Schule des Lebens von nachhaltigster Wirkung. Der Begriff Visuelle Kommunikation war das Vehikel, um Kommunikationsprozesse partnerschaftlich zu verbinden. Es ging nicht um künstlerische Überhöhung oder Zeitgeschmack, sondern darum, den Gegensatz zwischen Schönheit und Gebrauch zu überwinden. Gestaltung sollte durch wissenschaftliches Vorgehen objektivierbar werden. In Zusammenhängen denken ist die große Leistung von Ulm – von der Erfindung des Rasters einmal abgesehen.
 
Franco Clivio, Schweizer Produkt Designer, stellte temperamentvoll seine Werkzeug- und Objektsammlung vor, mit der er gerne auch in der Lehre Materialqualitäten, Multifunktionalität und die Wichtigkeit guter Verbindungen demonstriert. Es sind alles Dinge des Alltags, gar kein Design, sondern Ergebnisse, wie aus natürlichem Material intelligente Umsetzungen erdacht werden. Ein Bambusstab wird zum Pinsel oder auch zum Rührer; aus dem Ursprungsmaterial Draht entsteht eine Vielfalt von Halbfabrikaten usw. Gut, dass es dies alles demnächst in Buchform zu lesen und zu sehen gibt.
 
Die kritischen Second Hand Ulmer
Dieter Rahe unterrichtet 3D-Design an der HfK und beschäftigt sich mit inte­griertem Design. Er verfolgt das Prinzip des ergebnisoffenen Prozesses, denn desto größer ist der Einfluss der Designer, desto maßgeschneideter und erfolgreich innovativ sind die Lösungen. Er hat in Schwäbisch Gmünd studiert und ist damit Ulm geprägt. An Ulm kritisiert er, dass die Form sch immer nur Über die Funktion rechtfertigen muß; somit entstehen viele selbstähnliche Produkte. Aber Form hat durchaus einen eigenständigen Selbstwert: Design schafft Beziehungen. Auffallend findet er, dass Wissenszuwachs heute für die Wissenschaft wichtig ist, aber scheinbar nicht für das Design. Immer noch suchen wir das Originäre, die Utopie, obwohl Design immer relevant wird, wenn es real wird. Es gibt auch nicht die eine richtige oder falsche Lösung, sondern nur projektbezogene Ergebnisse – das ist Ulm.
 
Florian Pfeffer, bekannt durch sein Projekt :output, fing zwar bei Adam und Eva an, weil ja die Schööpfung das größte Designprojekt aller Zeiten ist, kam dann aber ganz allmählich zu sprechen auf das für die nächsten 100 Jahre wichtigste Thema: die Nachhaltigkeit als moralisch/ökologische Verpflichtung. Dies im Bezug zu Walter Benjamin, der den Begriff des Fortschritts in der Katastrophe fundierte.
Pfeffer setzt sich dafür ein, die übergroßen Wahlmöglichkeiten, die unsere Lebensgrundlagen zerstören, z. B. die Vielfliegerei, einzuschränken. So wird das Gute ständig missbraucht und soll zweifelhafte Interessen rechtfertigen. Das Gute ist nicht per se gut; es muß hinterfragt werden, damit sich menschliches Verhalten ändert. Daraus folgt die Frage nach der Rolle des Designers. Es geht heute nicht darum, einen neuen Stuhl zu entwerfen, sondern mit den Folgen der Industrialisierung fertig zu werden und mit dem, was Designer angerichtet haben. Pfeffers liebste Rolle: Kurator.
 
Grenzgänger
Peter Bilak, der Slowake aus Den Haag, international unterwegs, ist u.a. durch seine Fontfamilien Fedra und Greta bekannt. Davon war aber gar nicht die Rede. Hingegen sprach er über kulturelle Differenzen an Hand von Briefmarken-Design für Holland und die Slowakei.
Aber Bilak – man glaubt es kaum – ist auch ein Schattenflüsterer. Zusammen mit Choreogaph Lukas Timulak entwirft er Programmierungen für das niederländische Ballett NDT: Tänzer interagieren mit ihrem eigenen Schatten, mit ihren eigenen Bewegungen! Wunderbare Sequenzen mit einem virtuellen Partner – cross over pur, von den künftigen psychologischen Nebenwirkungen mal ganz abgesehen.
 
X: pragmatisch und anarchisch
Dirk Laucke, Grafik Designer aus Berlin, ging 1999 nach Amsterdam und berichtete über seine Erfahrungen mit den nationalen Unterschieden. Die Holländer streiten z. B. nicht gerne, deswegen gibt es keine richtige Diskurskultur. Dann ist es ein Land unter, folglich sind sie in kollektiver Kommunikation gut und müssen, wie der Amsterdamer Bürgermeister nonchalant sagt: „den Laden zusammenhalten.“
Lauckes eigene Gestaltung basiert auf inhaltlicher und visueller Integrität. Eine einfache, gut ausgearbeitete Idee überzeugt und deckt viele Bedürfnisse ab. So kann ein perforierter Briefbogen auch als Visitenkarte, Flyer und Aufkleber dienen. Da gibt es aufgeschweißte Taschen auf Büchern, die mit Druckknöpfen verbunden sind. Eine pfiffige Low-Budget-Haltung. Viel Gelächter.
 
Underware, spektakelnde Schriftdesigner aus Den Haag, Helsinki und Amsterdam, leben Schrift. Sie inszenierten ein interaktives Spiel: Das Publikum als Juror bei NL vs. D. Es ging um Geschmacksfragen, um Proto und Hardcore, und natürlich steht Amsterdam für Hardcore. Und dann gab es noch Fakir, die Rockband Gameschrift und Fakir der Rocksong.
 
Niessen & de Vries erzählen Geschichten in einem ganz eigenen, künstlerischen Designstil, eine Mixtur aus Ornament, Schichtung, Schablonenbuchstaben, Schriftbruchstücken, Linien und Farben. Eigentlich Zuckerbäckerei, aber so heiter und positiv, dass das Wort Kitsch nicht fällt. Design als Ersatzkunst.
Besonders beeindruckend war jedoch das Projekt TM-City (Typographic Masonry) für das Festival in Chaumont 2007. In einem Kirchenraum haben sie eine typografische Stadt installiert, bestehend aus mehr als 150 Arbeiten von Richard Niessen: aus Flyern werden Hochhäuser, Plakate werden zu Parks. Obwohl Niessen & de Vries nun von Ulm noch nie gehört hatten, ist dies ein außergewöhnliches interdisziplinäres Projekt. Vom Entwerfen und Bauen der Glasvitrinen und Verpackungskisten bis zum Entwerfen und Finden von Spezialtextilien für Hüllen und 200 Taschen; dann die Stadtplanung, die Straßennamenfindung, die Audio-Installationen und eine eigene Schrift – ein Gesamtkunstwerk. Dieses perfekt durchgeplante Projekt wäre bei uns kaum denkbar. Alles in eigener Leistung erstellt und alles neben der sonstigen Arbeit. Niessen: „Wir können nicht faul sein oder uns erholen. Der Künstler muss sich das Geld selbst finden, um im Museum ausstellen zu können.“
 
Catalogue Tree sind experimentelle Informationsdesigner, eine sonst eher dröge Geschichte. Ihr Büro ist Denkfabrik und Experimentallabor in einem. Hier entsteht ein Fundus an visuellen Interpretationsmöglichkeiten, die bei schnellem Bedarf abrufbar sind. Dafür schreiben sie flexible, verhaltensorientierte Software.
Aus einem für das normale Auge bedeutungslosen Datenfluss, z. B. aus einem Verkehrsstau oder über falsch parkende Diplomaten in New York, entstehen neben ungewöhnlichen Rückschlüssen lesbare Bilder, Infografiken von ungewöhnlichem Reiz und inhaltlicher Struktur. Lediglich beunruhigend ist, wie leicht man an persönliche Daten kommt.
Daneben sind sie auch Verhaltensforscher und beobachten Massenbewegungen, um versteckte formale Strukturen sowie Verhaltensphänomene herauszufiltern.
 
Erik Spiekermann zog zum Schluss zwar keine Bilanz, aber wie immer brillierte er durch Apercus zum Thema X und U.
 
Das 23. Forum Typografie zeigte, dass Dutch Design kein Programm, sondern eine Haltung ist, aus der heraus mit überraschenden Ideen und Humor „work that matters“ geschaffen wird; niemand fürchtet sich vor dem Begriff Kunst und die Wahrnehmung sozialer und ökologischer Probleme ist hoch entwickelt. Ulm hingegen war Vielen die beste Schule des Lebens; Ulm forschte, wagte Ungewöhnliches, bezog Position und ist heute gleichsam virtuell wirksam, auch in Amsterdam.
 



Plakat für das 23. Forum Typografie Bremen 2008 im ulmerischen Stil
 

Plakat für das 23. Forum Typografie gestaltet von Niessen & de Vries
 

Briefmarkengestaltung für Holland und Slowakei von Peter Bilak
 

nicht realisierter Entwurf für Holland von Peter Bilak
 

Digitaler Datenfluss eines Verkehrstaus konvertiert in lesbare Informationsgrafik, Gestaltung Catalogue Tree, Arnheim
 

Catalogue Tree schreiben ihre eigene, flexible und verhaltens­orientierte Software für Informations­design