Buchsucht

29. Oktober 2011, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Seitenweise erscheinen uns die Bücher

 

Die Diskussion über das (nicht) Ende des gedruckten Buches ist schon endlos geworden, aber auch ziemlich fruchtbar. Der Bundespressedienst der Republik Österreich hat diese Diskussion mit einem üppigen Aufsatzband erweitert, der die Frage stellt, was das Buch sei. Natürlich gibt es eine Unesco-Formulierung von 1964, dass das Buch eine gedruckte, der Öffentlichkeit verfügbar gemachte, nicht periodische Veröffentlichung mit – zuzüglich der Umschlagseiten – mindestens 49 Seiten Umfang. Eine Erweiterung zum digitalen Buch hin fehlt noch.

 

Die Beiträge werden von den Herausgebern in einem gewissen »Ordnungsschein« in thematische Kapitel eingeteilt. Und das Buch selbst ist hervorragend in seiner Typografie und Gestaltung, sieht man vom leider nicht gerundeten Rücken (bei 480 Seiten!) einmal ab.

 

Walter Bohatsch philosophiert über den Inhaltsraum Buch und nimmt den Begriff des Raums substanziell. Der Begriff der Leere wird ganz wesentlich. Die rhythmische Wiederkehr von Leerraum als weiße, unbedruckte Fläche sieht Bohatsch als einen (unter anderen) Beitrag zur atmosphärischen Erfahrung des Innenraums. Und er sieht das Verantwortungsbewusstsein des Gestalters gegenüber dem zu transportierenden Inhalt in einem konkreten Reglement für die Positionierung der Inhaltselemente.

 

Natürlich gibt es zahlreiche Beiträge zur Buchgeschichte. Alfred Dunshirn begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Einheit von Buch und Philosophie. Über Narbe und Schrift reflektiert Lydia Miklautsch. Typografen mögen den Zeichenbegriff für Narben weit hergeholt empfinden. Ernst Strouhal nimmt in seinem Beitrag über Queneaus »Hunderttausend Milliarden Gedichte« eingangs auf ein Buch von Markus Kutter Bezug (»Sachen und Privatsachen«, Olten 1964), wobei dieser über die Bücher, die da sind nur »um sie zu haben« schreibt wie »Silence« von John Cage oder »Finegans Wake« von James Joyce und natürlich das genannte Buchprojekt von Queneau, in dem jede Zeile einzeln umgeblättert wird und sich deshalb die hohe Variationszahl ergibt. Bezug nimmt Strouhal dann auf Borges »Die Bibliothek von Babel« oder auf das Zwölftonspiel von Joseph Matthias Hauer (476 Millionen Varianten), wobei sich Hauer hier mehr als Entdecker der Spielregeln und nicht als Komponist empfindet. Sicher, das geht alles weit über das konventionelle Buch hinaus und das alles immer noch ohne E-Book.

 

Aleida Assmann sieht Bücher als Dialogpartner und als Energiekonserve, spricht von der Macht der Bücher, dem »Schatz« einer kleinen Familienbibliothek und der ungeheuren Ausdehnung des Bücherbesitzes, wobei ihr Unvermögen Bücher wegzuwerfen verständlich ist. Christoph Winder vergleicht die E-Book-Diskussion mit dem Aufkommen des Taschenbuches um 1950, als ebenfalls über sinnlichen Verlust geklagt wurde. Die Standardisierung der Titelblätter kritisierte damals Enzensberger (heute scheint die Covergestaltung Verlagsübergreifend austauschbar geworden sein).

 

Eva Pfisterer berichtet von ihrer bücherlosen Kindheit und dem daraus resultierenden Gefühl, welche Macht das sorgfältige (dialektfreie) Sprechen haben kann. Liebe und Lesen sieht sie als eine Möglichkeit der Verschmelzung des Einswerdens. Rotraut Schöbel, die sich als buchsüchtig bezeichnet, beklagt den Waschzettel, der von der Marketingabteilung und nicht vom Lektor geschrieben wird und Wolfgang Pennwieser berichtet über seinen Versuch, das Buch und das Lesen in einem psychopathologischen Befund erfolgreich zu verwenden und es als Dreiecksbeziehung zwischen Arzt, Patient und Buch zu sehen.

 

 

Print on Demand als hoffnungslosen Weg des Publizierens beleuchtet Gerhard Ruiss, denn gedruckt ist das Buch schnell (könnte sich der Einzelne leicht selbst leisten), aber ein Buchlager ist noch kein Vertrieb. An das E-Book herantastend beklagt er das Problem der gültigen Ausgabe, da ja alles laufend ergänzt werden kann. Wir wissen noch nicht, wie und ob wir mit dem E-Book auch sinnvoll umgehen werden. Und die Sorge um die Zukunft des Buches spiegeln noch viele weitere durchaus lesenswerte Beiträge.

 

Thomas Eder, Samo Kobenter, Peter Plener (Hrsg.)
Seitenweise. Was das Buch ist.
480 Seiten.
Bundespresseamt der Republik Österreich, Wien 2010.

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