Nachtkritik

13. Juli 2013, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Sein statt Haben. Simonetta Carbonaros denkwürdiges Plädoyer zum Wert des Wandels

Das Vertrauen in unsere Zukunft ist schwer beschädigt, oft verloren.Der Lack unserer Wohlstandsgesellschaft blättert längst ab. Grosse Veränderungen sind wahrscheinlich geworden. Die international lehrende und beratende italienische Konsumpsychologin Simonetta Carbonaro hat prägnant über eine mögliche Transformation vor allem der Konsumgüterbranche gesprochen.

Der letzte Vortrag im Zyklus »Umbruch mit Aussicht« war als Designgespräch angekündigt, wurde aber eine wunderbare Vorlesung – doch mit stimmiger Visualisierung. Nicht nur das Kulturreferat der Stadt München sondern auch bayern design kooperierten mit dieser denkwürdigen Veranstaltung.
Vom Wahnsinn sprach Boris Kochan in seiner Vorstellung der Referentin, wobei sich ja das Wort aus Wahn und Sinn zusammensetzt. Wenn man den Standpunkt wechselt ergibt sich vielleicht ein neues Bild.

Die wirtschaftlichen Akteure der Konsumgüterbranche sollten sich nicht nur als Unternehmer verstehen, sondern auch als Teil der Gesellschaft. Wobei sie aktiv den Veränderungsprozess mit beeinflussen könnten. Die Konsumwirtschaft könnte Versorgung und gleichzeitig Wohlstand schaffen. Dabei ist Wohlstand schaffen wirkungsvoller als Kundenorientierung, die zu Anpassungen und kurzfristigem Erfolg führt. Problemlösungen sollten jedoch mit den Menschen zusammen entwickelt werden, wobei Initiativen der verschiedensten Gruppierungen, selbst der Kulturschaffenden mit einbezogen gehören.

Neuromarketing versucht da nur das alte Marketing zu intensivieren. Aber klassisches Marketing hat die Beziehungen zu einem Sinn verloren. Konsumenten machen längst ihr Eigenes, sie vertrauen der Werbebranche nicht mehr. So entstehen Einkaufsgemeinschaften und spezielle Netzwerke. Markenintegrität fordern die Kunden und wollen keine »Total Branding Experience«. Visibilität maximieren die Agenturen, aber die Kunden fragen nach Inhalten und Identität, nach Vielfalt und Originalität.

Kunsthandwerkliche Extravaganz finden wir in der Mode, aber das Normale ist gesucht. Auf die Macht der Ideen setzen viele Startup-Unternehmen, mit Charakter, Charisma und Leidenschaft.
Die Denkweise der Kundennutzung als Auslöser des Kaufimpulses ist an seine Grenzen gekommen. Westliche Menschen besitzen heute ca. 10 000 Dinge und da muss die Beziehung zu den Dingen schon oberflächlich werden. Eine Kauf-Bulimie bis Konsumverzicht ist die Folge, die Menschen fühlen sich verloren. Billigprodukte beispielsweise wie die aus China oder den Schwellenländern setzen der Industrie stark zu. Hinzu Kommen noch die Veränderung des Familienmodells, die Geschlechterauflösung und eine allgemein verdrehte Spaßigkeit in der Gesellschaft.

Ein Bedürfnis nach Gemeinschaft ist entstanden, das bis zur Industrialisierung vorhanden war. Alle möglichen Gruppierungen entstehen als Gegenentwurf zu postmodernen Lebensgewohnheiten.
Das Bedürfnis nach Freundschaft, auch der Gastfreundschaft wie sie Plato benannt hat dringt nach vorne. So entstehen Initiativen wie der Vorsatz des Nichtverschwendens (Moreno Cedroni, Sternekoch in Italien). Abgelaufene Lebensmittel werden weiter gegeben. Gegenpole bilden sich gegen die Einsamkeit des Individuums. Neue ökonomische Gemeinschaften sind klein, lokal, stark vernetzt. Service-Clubs entstanden vor allem in den Städten, die sich um gegenseitige Hilfen kümmern. Wichtige Treiber sind dabei Webblogger und Internetportalbetreiber.

Heimwerker tauschen ihr vorhandenes Wissen aus. Simonetta Carbonaro nannte hier zahlreiche Websites:
Instructables.com heißt die aktivste Wissensplattform;
Qirky entwickelt gemeinschaftlich Produktideen (crowdsourcing);
Etsy.com vermittelt Handarbeit, oft einzigartige Einzelstücke.
Diese »Makers« erleben in den USA eine neue Renaissance, was Ausstellungs- und Besucherrekorde zeigen.

Carbonaro nennt diese Bewegungen »avancraft« und nennt die Beispiele:
Changemaker.ch mit dem Slogan »Ethik küsst Ästhetik«,
I owe you, wo Kleider aus handgewobenen Stoffen aus Indien hergestellt werden, samt QR-Code für jedes Stück und Rückkopplung zu den Herstellern,
Up-cycling, der Begriff für eine Produktionsweise aus alten Dingen lassen Einzelstücke entstehen (Handtaschen, Tische als Beispiel),
Merci Paris ist interessant für einen bezahlbaren Kunstmarkt,
Ethicando verkauft italienische Lebensmittel der Liberia Terra, das sind Produkte die auf konfiszierten Ländereien der Mafia anbauen und in Gefängnissen Süditaliens produzieren lassen.

Wenn der Konsument nur das kauft, was für ihn Sinn gibt, schafft es den Produkten einen neuen Wert. Exzellente Produkte, jedoch nicht Premium und Luxus, die üblicherweise Standards durch Design ergänzen, sollten es sein. Preiswerte Möglichkeiten könnten in einem neuen Bewusstsein entstehen. Nicht der niedrigste, sondern ein richtiger Preis ist wesentlich. Wobei das Wesentliche und Einfache nicht Mittelmaß sein muss. Perfekt genug, befreit von allem Überflüssigen, denn unser Wohlstand ist nicht nachhaltig. Für eine neue Konsumkultur der Bedeutsamkeit plädiert Simonetta Carbonara:
1. Sofort den Marketing Standpunkt ändern;
2. Werte und innere Haltung sind zu materialisieren, der Sinn ist zu entwickeln damit sinnvolle Erlebnisse entstehen;
3. Design darf nie eine kosmetische Oberfläche sein.
Besser hätte man das Jahresthema der tgm kaum abschließen können. Und jetzt liegt es an den Gestaltern: Was bedeutet das für uns?

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