Über den Tellerrand

3. September 2017, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Schöne neue Welt: Typo Berlin 2017

Von Anne Dreesbach, Silvia Werfel und Rudolf Paulus Gorbach

Wanderlust als Thema für die Typo 2017. Was könnte das für Typografie und Gestaltung bedeuten? Oder ist es einfach eine Metapher, die in allen Vorträgen irgendwie auch vorkommt (und man trägt das vor, womit man ohnehin schon unterwegs ist)? 
Diesmal berichten drei Autoren in sehr unterschiedlicher Art und Weise, relativ spät, deswegen vielleicht auch mit der nötigen Distanz.



Susanne Koelbl, Reporterin beim Spiegel, fragt, was wandern bedeuten könnte, oder Wanderlust ist. Ihre Wanderlust ist besonders bizarr. Was bedeutet es, wenn Deutschland wieder in den Krieg zieht. Kann man sein Leben verbessern, indem man weggeht? Wird das eigene Leben dadurch besser? Ihre Wanderung in Kriegsgebiete läßt den Atem anhalten. Was sie berichtet, ist schrecklich und könnte eigentlich dazu anhalten, sich selbst, oder die Kommunikationsszene nicht so wichtig zu nehmen. Volkszugehörigkeit existiert für sie vor allem nur als Konzept. Und sie berichtet von den falschen Bildern der Menschenhändler, verliest einen Brief eines Rückkehrers und Überlebenden.


Kritisch beginnt auch Jonathan Ford. Müllprobleme, die aus dem Konsum kommen. Er spricht ziemlich lange über Produkte und das Wegwerfen, wo die Dinge noch da sind. Designer hätten aber die Aufgabe, den Müll zu reduzieren. Konsumkritisch bezeichnet er sich als  »a rubbish designer«, der viel Müll produziert, ein Schrottdesigner. Doch wird allgemein Design als hoch entwickelt betrachtet. Ford nennt als Beispiel Kuba, wo gezeigt wird wie es geht, wenn man weniger hat.
Letztendlich erwartet Ford einen Vordenker, der Design für andere Verpackungen mit neuen, natürlichen Materialien; das Imperfekte ermöglichen. Nachhaltigkeit wäre ja nicht ein ganz neuer Begriff.


Lutz Engelke von der Kreativ-Agentur TRIAD streut einen weiten, kritischen Bogen durch Industrie und Gesellschaft. Manches klingt wie bei Politikern, wenn er fragt, wie sich die creative Community vorbereiten soll. Oder für was und für wen und warum soll die Kreativität erfolgen. Die Schrecken der Zukunft bleiben nicht aus, ob. es einen neuen Klassenkampf im 21. Jahrhundert geben wird, oder ob die Ungerechtigkeit bleibt? Bedrohungen wie künstliche Intelligenz, Globalisierungs- und Wachstumprobleme die Algorithmen als neues Maß, militärische Ausbildung und gleichzeitig relevante Spiele für 14jährige mit der Banalität des »Roten Knopfes«. Shows als erfolgreichste Formate, die Wünsche erfüllen (in einer Welt der Kriege). Die Realität ist: amüsieren, Vergnügen. Über Design wird weltweit gesprochen. Aber was ändern wir?
Lauter als das schöne Produkt, lauter als die schöne Grafik;
Apokalyptische Filme, viele Arten von Katastrophenfilmen
Konsumdenken, usw.
Ein Systemwandel wäre wichtig, denn wir haben keine Zeit mehr.
Ist eine Änderung bei laufendem Betrieb möglich? Engelke spricht von einem zu gründenden Berliner Manifest. Vielleicht retten ja jetzt Agenturen die Welt.


Petr Bilaks Thema »Das Beste an Design« spricht davon, dass seine Arbeit zu 50 % mit Typografie zu tun hat. Aber dann kommt die Idee, daß er was machen will, was er zuvor nicht gemacht hat. Und überlegt, was Designer alles sein können. Und da kommt die Arbeit für Tanz als kreativen Input auf der Bühne (Luzerner Theater). Doch besonders beeindruckend ist die Arbeit für Mallorca,
Muster und Zeichen für Kacheln.
Was ist gutes Design, fragt Bilak, der erfolgreiche Schriftgestalter?
Ist es das gute Geschäft (Watson), das Nützliche (Ford), immer wieder was Neues (Earl), so wenig wie möglich (Rams)?

Sander Neijnens und Ivo van Leeuwen hatten wieder ein ganz wunderbares Projekt vorzustellen. Sie entwickelten eine serifenlose Schrift für Ihre Stadt Tilburg. Da kommt erst einmal die Stadtgeschichte und was daraus gemacht werden kann.
Der Versuch eines Porträts der Stadt aus der Schrift, eine arme Stadt, das Kunstmuseum gibt es erst seit 25 Jahren.
Die Schrift sollte handgeschrieben wirken. Die Bürger konnten einzelne Buchstaben adoptieren, auch Leerzeichen. Und es gibt
Icons als Geschenk für verdiente Persönlichkeiten. Und natürlich wurde die Schrift den Bürgern geschenkt – und sehr angenommen. (rpg)



Vorträge über Schrift und Typografie waren in der großen TYPO-Hall Mangelware. Genau drei Präsentationen gab es dazu, die aber waren hochkarätig! Gleich am ersten Konferenztag faszinierte die auf Hokkaido geborene, dort auch aufgewachsene, seit 2005 aber in Kalifornien lebende Japanerin Aoi Yamaguchi die Teilnehmer. Und dies gleich zweifach. Die Kalligrafin erzählte zunächst in einem Vortrag von ihrem Weg des Schreibens (Shodo) vom traditionellen zum zeitgenössisch freien Stil. Abends führte sie das in einer musikalisch begleiteten Performance vor: Meditation und Aktion – fesselnd, vom Auslegen der großen Papierbahnen über den Tanz mit dem Pinsel bis zum Setzen der Siegel auf jedes der vier Blätter.

Im Alter von sechs Jahren begann sie bei Meister Zuiho Sato ihren Kalligrafieunterricht. Hier lernte sie das detailgetreue, flüssige Schreiben und erlangte erste Auszeichnungen. Der nächste Meister vermittelte einen anderen Stil, freier, expressiver, denn in der japanischen Kalligrafie spiegelt sich immer auch die Persönlichkeit des Schreibenden. Als sie 2005 in die USA ging, erweiterte sich das Spektrum erneut bis hin zum Abstrakten.
Ihre wichtigsten Inspirationsquellen sind die Natur und die Musik. In den Kunstaktionen verbindet Aoi Yamaguchi die Kalligrafie oft auch mit anderen traditionsreichen Künsten wie Taiko (Trommeln) oder Ikebana (mit Blumen gestalten) und ebenso mit Digital Art, vor allem aber mit Tanz und Poesie. Ihre Arbeiten und Aktionen haben dabei immer einen philosophisch-meditativen Hintergrund; ihr Können fußt auf jahrelangem Üben und intensiver Reflexion. Sie erzählte, dass sie manchmal Monate gebraucht habe, bis sie ein Zeichen wirklich beherrschte – und das Werkzeug, all die unterschiedlichen Pinsel aus Tierhaar, etwa von Pferd, Affe, Wiesel und – besonders fein, aber schwierig zu kontrollieren – vom Schaf.
Alles ist Meditation (nicht lästige Pflicht). Das Anrühren der Tusche im Tuschestein. Das Üben, Blatt für Blatt, immer wieder und wieder. Aoi Yamaguchi gab einen Einblick nicht nur in ihren Lebensweg, sondern auch in die Geschichte der japanischen Kalligrafie; sie charakterisierte die verschiedenen Schriftsysteme Kanji, Hiragana, Katakana und zeigte den Wandel der Zeichen sowie eigene freie Interpretationen, etwa am Beispiel des Wortes für Wind, mal als wilder Orkan, dann als zartes Frühlingslüftchen. Geht es ihr um Perfektion? Nicht unbedingt, denn im Unvollkommenen liegen wahre Schönheit und Einzigartigkeit.
Auf der TYPO war Aoi Yamaguchi viel beschäftigt, denn sie gab nach Vortrag und Vorführung an den beiden folgenden Tagen auch noch Workshops.

Den Schlusspunkt des zweiten Konferenztages setzten Gerd Fleischmann und Erik Spiekermann. Also ging es auf der großen Bühne tatsächlich um Schrift und Typografie! Angesichts von 100 Jahre Bauhaus 2019 nahm Gerd Fleischmann, ausgebildeter Naturwissenschaftler, dann Grafikdesigner und Dozent für visuelle Kommunikation sowie Mitbegründer des Forum Typografie, die Bauhaus-Typografie unter die Lupe. Gab es die überhaupt? Nein! Es gab auch kein Corporate Design des Bauhauses im heutigen Sinne, stattdessen viel „Rapunzel-Typo“ voller „krümeliger Details“. Brauchbare Schriften entstanden ebenfalls nicht, auch wenn man die konstruktivistisch gedachten Schriftexperimente von Josef Albers, Joost Schmidt und Herbert Bayer historisch interessant finden mag. Die Verdienste des Bauhaus liegen in der neuartig aufgebauten Lehre, ihrer Internationalität und konkret in den Bereichen Architektur und Produktdesign. Die wirklich neuen typografischen Impulse kamen jedenfalls eher von Nicht-Bauhäuslern wie Jan Tschichold und Paul Renner. Erst mit Laszlo Moholy-Nagy, der 1923 ans Bauhaus berufen wurde, begann hier das konsequente Nachdenken über Textgestaltung (Typo-Photo). Der einzige Bauhaus-Typograf von Rang war Herbert Bayer. Fleischmann erwähnte auch Franz Ehrlich, der 1927 bis 1930 Schüler am Bauhaus Dessau war, 1937 im KZ Buchenwald inhaftiert wurde und dort auf Befehl der Bauleitung die Torinschrift „Jedem das Seine“ gestaltete.

Gerd Fleischmann lenkte am Ende den Fokus auf die Schrift an der berühmten Bauhaus-Fassade in Dessau. Das Gebäude wurde nach der Wende saniert und ist seit 1996 Unesco-Welterbestätte. Fleischmann hat genauer hingeschaut: Die vertikal angeordneten Versalien werden von 12 cm langen Stiften gehalten. Schriftlinie, Fenstersims – alles korrespondiert hier miteinander. Zufall? Eher wohl ein Geniestreich! Auf Fleischmanns Anregung hin filmte Alexander Lech zur Sommersonnenwende 2016 achtzehn Stunden lang das Schattenspiel der Buchstaben. Unter dem Titel „Geplant oder nicht geplant – Schatten in Bewegung!“ ist der 1:42 Minuten lange Film auf vimeo zu sehen – empfehlenswert. Der Referent holte Alexander Lech vom Büro Hallo am Schluss mit auf die Bühne; dieser zeigte, wie die Studenten in Dessau zur positiven Stadtentwicklung beitragen, kreativ und engagiert.


TYPO-Mitbegründer Erik Spiekermann kehrte nach einigen Jahren Abstinenz auf die TYPO-Bühne zurück. Gut gelaunt plauderte er aus dem Nähkistchen: über seinen Werdegang (viel angefangen, wenig zu Ende gebracht, z.B. eine Schriftsetzerlehre und ein Studium der Kunstgeschichte), seine Aufträge („es gibt keine Kultur des Auftraggebens mehr“) und seine Rückkehr zum Fast-Analogen in der eigenen Druckwerkstatt p98a, wo er den Buchdruck zelebriert, allerdings von digitalen Vorlagen. Durchaus diskussionswürdig. Er sprach vom Goldenen Schnitt, auch davon, wie weit man mit „appen Ecken“ und roten Balken kommen kann (zwei vielfach von ihm eingesetzte grafische Elemente). Was für eine Karriere – er wurde Gestalter, ohne es zu merken. Dabei geht es ihm letztlich immer darum, Sprache zu visualisieren. Markantes Corporate Design ist dabei herausgekommen, ob für den WDR, die Messe Frankfurt, die Deutsche Bahn oder für Verlage wie Birkhäuser und Springer. Nicht zu vergessen das Leitsystem für die Berliner Verkehrsbetriebe, eines seiner Lieblingsprojekte, da so nützlich, auch wenn kaum jemand weiß, wer’s entwickelt hat … Die Druckwerkstatt p98a (in Berlin, Potsdamer Straße 98a) ist ein teures Hobby, er sucht – und findet – kommerzielle Aufträge. Schön, wenn ein Autor wie Lutz Seiler, der mit seinem Roman „Kruso“ 2014 den Deutschen Buchpreis gewann, die Werkstatt besucht und eigenhändig am Heidelberger Zylinder druckt. Schön auch das Projekt der Edition Suhrkamp Letterpress … Erik Spiekermann möchte die sinnlich erfahrbare Buchdruckkultur erhalten, aber er sucht: gelernte Buchdrucker!
Übrigens wurde Erik Spiekermann am 30. Mai siebzig – man sieht es ihm nicht an; er ist tatendurstig wie eh und je.



Ganz andere außergewöhnliche Impulse mit ebenfalls hohem Spaßfaktor lieferten in der TYPO Hall einmal mehr die Illustratoren. Oliver Jeffers aus Belfast ist wie die meisten Kreativen vor allem eins: neugierig. Er malt und zeichnet und setzt dabei auch ausgefallene Ideen um. Etwa in seinem Projekt „Dipped Paintings“. Hier fertigte er großformatige, naturalistische Porträts, die er später, schön gerahmt, in einer Performance in Kübel voller Lackfarbe tauchte. Manchmal schauen nur noch die Augen über den Vorhang aus Farbe, manchmal ist noch der ganze Kopf zu sehen. Nur die Porträtierten wissen, wie das Bild ursprünglich ausgesehen hat. – Jeffers ist auch ein Geschichtenerzähler. Es sind skurrile, lustige Geschichten, die er mit dem Zeichenstift erfindet. Viele seiner Bilderbücher mit mal mehr, mal weniger Text sind auch auf Deutsch erschienen: „Dieser Elch gehört mir“, „Der Streik der Farben“ (beide NordSüd) und ganz neu „Wo die Geschichten wohnen“ (Mixtvision) – ein zauberhaftes, typografisches Bilderbuch, in dem viele andere Bücher enthalten sind und das gemeinsam mit Sam Winston entstand. Ganz entschieden trat er in seinem Vortrag einer oft gehörten Kritik entgegen: Doch – er könne durchaus Füße zeichnen (und beweist es), auch wenn viele seiner Protagonisten auf dünnen Beinchen und irgendwie fußlos durchs Leben tanzen …

Dominic Wilcox nimmt die Sprache wörtlich und erfindet gern neue, sehr nützliche Geräte und Maschinen; die zeichnet er dann, wie die Warteschlangen-Kopfstütze, den anschraubbaren Schuh-Tisch oder die Blumentopf-Rutschen für fallende Blätter (dazu gibt es bei S.Fischer ein wunderbares kleines Buch: „Tassenventilator und andere absolut verrückte Weltverbesserungen“). Vieles baut er tatsächlich, wie den Helm mit Baggerschaufel und Schaltpult für ein interessanteres Cornflakes-Frühstück. Erfinden und umsetzen – das war auch die Idee hinter seinem jüngst gestarteten Little Inventors Project. Es begann als Experiment mit zwanzig Kindern. Sie waren eingeladen, etwas zu erfinden und zu zeichnen. Für die besten Ideen suchte Wilcox Partner zur Realisierung. So entstanden etwa die High-5-Maschine und ein Lutscher mit integrierter Zahnbürste. Mittlerweile wurde dieser Workshop zum Exportschlager. Wilcox animiert auch Erwachsene und ist restlos begeistert von der Kreativität der ganz normalen Menschen …

Schrift- und Typografie-Aspekte wurden vor allem auf den kleineren Bühnen behandelt. Nur zwei seien hier noch herausgegriffen. Chris Campe ist vielseitig. Sie machte eine Buchhändlerlehre, studierte Kommunikationsdesign und  Kulturwissenschaften und war als Lokalreporterin unterwegs. Im Sommer 2014 hat sie sich dann auf Schrift spezialisiert, handgemachte wohlgemerkt. Ihr Hamburger Büro heißt „All Things Letters“. Für die TYPO Berlin war sie vergangenes Jahr schon als Bloggerin unterwegs, dieses Jahr erzählte sie auf der Stage, wie sie zur Buchstaben-Künstlerin wurde. Ihre Ausgangsfrage lautete: Wie tut man nicht nur, was man kann, sondern vor allem, was man will, auch wenn man es noch nicht kann? Ihre Botschaft: einfach mal machen! So entstand letztlich auch ihr „Handbuch Handlettering“ (frisch erschienen im Haupt Verlag). Mit Mut zur Lücke machte sie sich an die Arbeit. Der Schaffensprozess wurde zum Lernprozess. Herausgekommen ist ein klar strukturiertes und sehr schön gestaltetes Buch. Chris Campe zeigte ganz nebenbei auch eine bemerkenswerte analoge Slideshow: zwei Helfer hielten ihre großbuchstabig beschriebenen Plakat-Slides hoch.

Chris Campe hat in ihrem Repertoire natürlich auch Schriften mit 3D-Effekt, schattiert, schraffiert, konturiert. Was sie schreibend und zeichnend mit dem Stift entwirft, baut Nikolaus Netzer direkt am Computer. Der Berliner Fotograf, Gestalter, Autor und Dozent sprach über CGI-Type (CGI – Computer Generated Images) und zeigte, wie die räumliche Inszenierung von Schrift mit Cinema 4D (Maxon) funktioniert. Das ist zwar ein komfortables Werkzeug, aber typografisches Wissen ist gleichwohl von Vorteil; so sollte man etwa das Spationieren des Versalsatzes nicht vergessen. Viele Entscheidungen gilt es zu treffen: welchen Font nimmt man, welches Material will man simulieren (Holz, Stein, Metall etc.), welche Perspektive wählt man – der Blick von schräg unten ist zum Beispiel spannender als einfach nur von oben. Sieben Type Styles stellte Nikolaus Netzer vor. Auch zeigte er zahlreiche Anwendungsbeispiele aus der Filmgeschichte, angefangen bei Mickey Mouse (1928) über Ben Hur bis Star Trek. Trends setzen in diesem Bereich vor allem auch die Hersteller von Computerspielen. Klar wurde, dass auch am Computer viel Hand- und Feinarbeit nötig ist. (sw)


Liv Siddall: „How to make a monthly music magazine for a 40-year-old record store“
„I’m really into music and I’m really into magazines.“
Kann sein, dass es an diesem speziellen Charme liegt, den meines Erachtens nur junge Frauen aus London versprühen (man verzeihe mir meine Voreingenommenheit!), mit ihrem fantastischen Akzent, mit ihrem nicht-gestylt-sein und mit ihrer unglaublichen, im positiven Sinne naiven Art, an das Leben heranzugehen: Mein Lieblingsvortrag auf der Typo war der von Liv Siddall, die darüber berichtet hat, wie sie seit seit einiger Zeit für den Londoner Plattenladen „Rough Trade“ monatlich ein Musikmagazin herausgibt. Obwohl der Titel „How to make a monthly music magazine for a 40-year-old record store“ ein kleines bisschen übertrieben ist, denn es gibt zumindest ein Mini-Budget von 1000 £ und es gibt weitere Beiträger für die Zeitschrift und es gibt einen Grafiker, der die Zeitschrift layoutet (wobei das jetzt nicht bedeuten soll, dass das deswegen keine unglaubliche Leistung wäre!), aber wie auch immer: Ich mag Menschen, die auch darüber berichten, was bei ihren Projekten schiefgeht, was schwer ist, wenn einen der eigene Chef vor scheinbar unlösbare Aufgaben stellt, oder wie sehr man sich freut, wenn ein Kultlabel aus der eigenen Jugend einen beauftragt, ein Magazin zu machen. Anders gesagt: Ich mag es, wenn sich die Vortragenden auf der Typo aus ihren scheinbar perfekten Welten lösen, denn wohl kaum jemand, der im Publikum sitzt, möchte endlosen Erfolgsstories von scheinbar unentwegt erfolgreichen Menschen lauschen. Wir lernen aus Fehlern und Fehler belehren auch Zuhörer. Mal abgesehen davon, dass sie sich dann auch ernst genommen fühlen.

Und wenn man so positiv an einen Job herangeht wie Liv Siddall, dann läßt sich eben auch und trotz aller Schwierigkeiten Übermenschliches bewerkstelligen: Liv Siddall konnte einen Freund überzeugen, das Magazin zu gestalten, beide arbeiten zusammen daran und finden ungewöhnliche – ich würde schon fast sagen „punkmäßige“ – Lösungen für das Magazin. Sie bittet Musiker, mit Einwegkameras Fotos auf ihren Touren zu machen, was gut funktioniert, da die Künstler damit nicht viel Arbeit haben, sie nicht einmal irgendetwas hochladen müssen, sondern einfach die Kamera zurückbringen können. Sie bittet ebenfalls die Musiker, ein (fiktionale) Horoskope zu schreiben und junge Fotografen auf der ganzen Welt aufzuspüren, die schrille Fotosrecken liefern; ich mochte beosonders die Modestrecke, in welcher ein Musiker in den üblichen Modelposen am Pool, vor schicken Möbeln usw. gezeigt wird, aber, und das ist der Witz dabei, er trägt immer das gleiche T-Shirt. Und das ist eben der Clou am Rough Trade Magazin und an Liv Siddalls Arbeit: Die Lesererwartungen werden, auf eine charmant-liebenswerte Art, nie bestätigt. Keep it up, Liv Siddall!

Sebastin Lörscher: „Making friends“ – Mit dem Skizzenbuch unterwegs
Wie Du mir, so ich Dir!
Dass Sebastian Lörscher ein fantastischer Illustrator ist, der mit unvoreingenommem Blick den Menschen auf den Grund geht – und ist das nicht die Hauptaufgabe eines Illustrators? – steht außer Frage. Und es war eine sehr gute Idee, ihn zum Thema „Wanderlust“ einzuladen, denn Sebastian Lörscher ist eindeutig selbst der Wanderlust erlegen: Reisen führten ihn nach Bangalore, nach Österreich, und sogar nach Haiti, wo doch kaum jemand hinreist. Dort ist er überall und ohne Scheu den Menschen begegnet, hat seine Zeichnungen als Weg der Kommunikation benutzt und ist so den Geschichten der Menschen sehr nahe gekommen. Die so entstehenden Bücher sind brilliant, traurig, lustig, treffend und bringen dem Betrachter die jeweilige Region – anders als so manche Hochglanzpublikation – näher. Ob man sein komödiantisch-kabarettistisches Talent mag, über das er ohne jeden Zweifel ebenfalls verfügt, sei dahin gestellt. Es darf aber bezweifelt werden, ob das hierher, also auf die Bühne der Typo gehört. Stattdessen vielleicht vielmehr dies: Auch bei seinem Schaffen stellen sich Fragen nach seinem echten Leben – die Zuhörer wollen schließlich auch seinem Leben auf den Grund gehen. Wie kann man von diesen Illustrationen leben? Verkaufen sich die Bücher? Welcher waghalsige Verlag wagt sich an solche Publikationen? Was sagen andere Kunden, wenn Herr Lörscher mal eben für fünf Monate verschwindet? Gab es keine Krisen auf seinen Reisen? Ich beispielsweise war schon in Haiti und die dort vorherrschende Armut und die ausweglose Hoffnungslosigkeit hat mich fast erstickt. Wie geht man damit als Künstler um? Sebastian, trau Dich doch so an uns heran, wie Du bist. Wir wollen wissen, wie das Leben eines Zeichners in Port-au-Prince wirklich ist. Und wir sind erwachsen: Wir können mit Krisen umgehen!


Erik Kessels: „Your mistakes could change the world“
Dass Penisse so lustig sein können!
Erik Kessels besitzt unglaublichen Unterhaltungswert. Nicht nur wegen seiner schrillen Klamotten. Und auch nicht nur, weil er wirklich lustige Projekte macht. Sondern weil er sieht, und ist das nicht eine phantastische Begabung, die wir uns alle ein Stück weit zu eigen machen sollten?, wie witzig seine Mitmenschen sind. Und wie kreativ. Da ist das Ehepaar, das offenbar größtes Vergnügen dabei hat, wenn der Mann seine Frau in Klamotten im Wasser fotografiert. Kessels dokumentiert ihr gemeinsames Schaffen über die Jahre hinweg. Erst steht sie nur bis zu den Knöcheln im Wasser, dann geht sie immer tiefer hinein, zum Schluß schwimmt sie gar, bekleidet, mit Schuhen, Perlenkette und Handtasche. Natürlich läßt es sich Kessels auch nicht nehmen, aus dem passenden Mailwechsel zu zitieren, der Aufschluß darüber gibt, dass Erotik ein nicht zu unterschätzender Moment im kreativen Schaffen der beiden ist. Und der ganze Saal lacht. Zurecht. Obwohl es so lustig eigentlich gar nicht ist, sondern einen auch stutzig machen sollte. Wie großartig ist es eigentlich, dass die beiden ihr Leben lang diesem kreativen Prozess nachgehen, der sich mit manchem messen kann, das die sogenannte Kreativszene zustande bringt? Und so verwundert es auch nicht, dass ein großes Modehaus eines ihrer Fotos für eine Werbung eins zu eins nachgestellt hat. Wobei es denen offenbar an Spaß mangelte. Aber die Menschen sind auch langweilig und Nachahmer. Man sieht dies an den Penissen. Offenbar pflegen viele Männer, ihre Penisse mit Objekten zu vergleichen. Aber dass sie davon auch Fotos machen? Und diese ins Internet stellen? Mit Zahnpastatuben, Gurken, Salatköpfen, Türknöpfen, Geldstücken oder Comuptertastaturen. Kessels macht aus diesen Fotos einen Gag. Weil er sie chronologisch dem Tagesablauf zuordnet: erst der Wecker, dann das Duschzeug, dann der Rasierer, dann das Deo, dann die Haarbürste, dann die Frühstückseier … und weil er mit der Masse dieser Aufnahmen spielt. Man kann ja mal alle Aufnahmen von einem Penis und Colgatezahnpasta zusammengruppieren. Was einst nur ein dämliches Foto im Internet war, wird dadruch, dass es so viele Menschen nachmachen und dadurch, dass diese Bilder auf einer Magazindoppelseite zusammengefügt werden, unfassbar lustig. Doch dahinter steckt natürlich mehr: die Beschäftigung mit der Selfiekutur, die mehr und mehr Menschen einholt. Die böse Feststellung, die dahinter steckt, ist, dass jeder denkt, er sei unglaublich kreativ, dabei machen es alle. Und jeder macht jeden nach. Eine Arbeit Kessels („Twentyfour hours of photos“) für ein Museum zeigt die etwa 950.000 Fotos, die jeden Tag bei flickr eingestellt werden. Einfach ausgedruckt, als Massen, die auf dem Boden und in den Gängen durch die Museumsräume wabern. Das muß man tatsächlich mal so als Masse gesehen haben, denn die Zahl 950.000 sagt im Grunde gar nichts aus. Fotos von der selbstumkreisenden Beschäftigung mit sich selbst im Internet augenfällig zum Anfassen sozusagen. (ad)

 

Streifzug durch den brand Talk
In halbstündiger Folge »rattert« Branding, von 11 bis 19 Uhr. Einige Eindrücke daraus.

Stefan Büscher von Skoda zeigt »Skoda next« Es geht um Markenwertungen, kann man die Typografie aktivieren?
Eine werbende Anpreisung und wie toll Skoda ist:
1. Einfachheit als Ziel, mit Sicherheit natürlich,
2. Menschlichkeit.
Das Runde der Marke verbindet auch die "Typografie".
Patrick Märkl vom KMS Team spricht über Design und eine simple Darstellung. Zeigt einen Film über die Marke (mit sehr aggressiver Musik), Alles dick aufgetragen (ist das schon Marken-Kitsch?).
Welchen Grund es für eine neue Schrift gab. Die bisherige Schrift schien zu weich, »nicht was der Markenkern erfordert«.

Thomas Markert von DFL Digital Sports und Heinrich Paravicini von Mutabor verantworten das Erscheinungsbild der Bundesliga. »Das Runde muss ins Eckige« und wie das ins globale Corporate Design übertragen wird. Paravicini: »Es ist digital gedacht, hochmodular und dennoch ikonisch stark, so dass es in der internationalen Medienlandschaft nicht nur funktionieren, sondern sich durchsetzen kann.«

Paolo Insigna von interbrand stellte den sehr aufwändigen Auftritt von Juventus vor. Ein schönes Zeichen im Zusammenhang mit einem bombastischen Aufwand.



Julia Wolf (dm) und Simon Umbreit (oddity) stellen die Marke »dm« vor. Digital und Social media Marketing erhalten hier eine zentrale Wichtigkeit. Während Websites sich auf große Player konzentrieren, geht es hier eher um FaceBook. Die Marke wird im Kern und nicht von Werbeagenturen entwickelt empfunden.
Es wird von sinnstiftender Marke für deutsche Kunden gesprochen.
Bei 37 Mil. Kontakten im Monat braucht man den Begriff »Kundenbindung« nicht mehr. Und je mehr Ästhetik rein gebaut wurde, desto weniger erfolgreich war es (klingt nicht ermutigend).
Die Leute wollen »echt« sein, im Heute, als der Zeit der Authentizität Und wie Ausbildung kommuniziert wird  zeigen Snapchat Storys. Mobilität als neues Leitmittel.



Justus Oehler zum Thema Master Card spricht erst über sich und dann über die technische Entwicklung. Der beste Weg zwischen Kunden und Agentur wäre der, direkt zum Designer, nicht über den Manager. Pentagram hat 21 Partner. Ein Beispiel ist die Star Alliance.



Carola Seybold spricht über Pantone. Sehr gut vorgetragen, klar, aber das dürfte das Typo-Pubilum wirklich kennen.

Jochen Rädecker von Strichpunkt entfacht ein rhetorisches Feuererwerk über Audi und man ist danach überzeugt, dass Audi das tollste und Größte ist, was es jemals gegeben hat. Ich fühlte mich an den Rand der Welt gedrückt.
AUDI.com/ci


Außergewöhnlich und sehr amüsant war die Darstellung von Holger Schmidhuber (fünfwerken) und Donatus Landgraf von Hessen. Es ging um das Weingut  Prinz von Hessen und das beginnt mit der Geschichte. Eine hessische Hausstiftung, zwangsweise seit der Weimarer Repubik, und insgesamt gibt es die schon 800 Jahre, wobei heute Hotels, Landwirtschaften, und viele erhaltenswerte Häuser dazugehören.
Der Wein, Johannisberg-Riesling, große Lagen) wurde nicht gekauft. Und mit dem neuen Markenauftritt hat sich das sehr positiv geändert. (rpg)

Fotos: Silvia Werfel, Rudolf Paulus Gorbach, Sebastian Weiß/monotype und Gerhard Kassner/monotype

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