Ressort für kyrillische Typografie

Ein Plädoyer für die Entdeckung
der russischen Schrift

Nach dem Ende des Kalten Krieges erstrahlte der Glaube an eine vereinte friedliche Welt. Damit einher ging die Begeisterung für die Kunstsprache Esperanto. Der Gedanke, eine universale Sprache zu erlernen, mit der man sich in der ganzen Welt verständigen könne, war faszinierend.

30 Jahre später sind wir vom Frieden noch weit entfernt. Nach wie vor ist Englisch die internationale Sprache Nummer Eins. Sie und die lateinische Schrift verkörpern weiterhin wirtschaftliche und politische Dominanz. Doch diese Dominanz hatte schon immer feine Risse.

Die Wärme der Muttersprache

In der grenzenlosen Weite globaler Kommunikation schätzen die Menschen die Nähe zur eigenen Sprache. Die Muttersprache erzeugt tiefes Verständnis für den Inhalt und weckt Emotionen. Sie ist die primäre Grundlage für die Identität, die die Geschichte, gemeinsame Werte und Mentalität umfasst. Die Schrift stellt dabei den visuellen Ausdruck dieses kulturellen Erbes dar.

Lokale Kultur als Wirtschaftsfaktor

Diese Erkenntnis eröffnet auch neue wirtschaftliche Perspektiven. Denn die Wahrnehmung eines Unternehmens findet im Kontext lokaler Kultur statt. Die globale Wirtschaft hat erkannt und intergriert unterschiedliche Traditionen in die Unternehmenspolitik. Die Kompetenz in Fragen lokaler Kommunikation, das tiefe Verständnis für die damit verbundene Zivilisation, Bezug auf Besonderheiten und Unterschiede in Denkweise und Umgangsformen sind wichtige Faktoren im internationalen Wettbewerb.

Für die Vielfalt lokaler Schriftidentitäten

Es reicht aber nicht, mithilfe neuer Technologien nicht-lateinische Schriftbilder nach einem oberflächlichen Studium zu duplizieren. Ohne grundlegende Kenntnisse der lokalen Schrift- und Satztraditionen ist visuelle Kommunikation in einer fremden Sprache fehlerhaft und somit wirkungslos.

Die Typographische Gesellschaft München hat sich zum Ziel gesetzt, das Bewusstsein für die Vielfalt außerhalb der Grenzen der lateinischen Schriftwelt zu erhöhen. Wir sind davon überzeugt, dass die Fülle an Sprachen den kulturellen Reichtum der Welt widerspiegelt. In diesem Sinne richtet sich ein Fokus der tgm auf die gezielt intensive Auseinandersetzung mit anderen Schriftkulturen.

Die große Welt kyrillischer Typografie

Einen eigenen Platz nimmt dabei die kyrillische Schrift ein. Diese Schrift wird nicht nur von slawischen Sprachen in Osteuropa verwendet — sie ist auch bis hin zum Pazifischen Ozean, im Kaukasus und in Zentralasien zu Hause. Eine unvorstellbar große Welt, in der sich europäische und asiatische Kulturen begegnen: Fast 300 Millionen Menschen schreiben Kyrillisch, nicht nur in slawischen Sprachen, sondern auch in Turksprachen sowie romanischen, persischen und chinesischen Dialekten. Vor allem die integrative Wirkung des Kyrillischen in einem Vielvölkerstaat wie der Russischen Föderation ist von großer Bedeutung. Sie bildet einen wichtigen Teil der kulturellen und sozialen Identität.

Ressort für kyrillische Typografie

Die tgm hat ein eigenes Ressort für die kyrillische Schrift gegründet. Dieses widmet sich der Erforschung der Qualität in Satz und Typografie. Hier findet eine Konsolidierung von Wissen über die kyrillische Schrift, ein intensives Studium der authentischen Schriftformen und kultureller Eigenheiten, eine Auseinandersetzung mit der Geschichte von Sprache und Schrift statt. Zudem fördert das Ressort den Dialog mit der engagierten Typoszene in Russland und wirbt für Sensibilität und Qualität in visueller Kommunikation mit kyrillischer Schrift.

Aufruf zur Achtsamkeit

Das Thema kyrillische Typografie war schon immer politisch gefärbt. Ein kyrillisches Wort wirkt wie eine politische Aussage. So löste das Wort »Perestrojka« Ende des 20. Jahrhunderts pure Begeisterung aus. Aktuelle politische Ereignisse beeinflussen die externe Wahrnehmung nicht nur des Landes, sondern der gesamten russischen Kultur und sogar der Schrift. Die heutige Reaktion auf Russland ist leider durch Misstrauen und Unverständnis geprägt. Das neue Gefühl: Man ist sich fremd geworden. Aber dieser Prozess verläuft auch innerhalb der russischen Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, das gegenseitige Interesse aneinander nicht zu verlieren und jene Kräfte, die sich für Offenheit, Toleranz und Dialog einsetzen, zu fördern.


Victoria Sarapina,
tgm-Botschafterin für kyrillische Typografie


Victoria Sarapina,
tgm-Botschafterin für kyrillische Typografie

Jahrgang 1975, abgeschlossenes Studium des Kommunikationsdesigns an der Hochschule Rhein-Main. Nach festen und freien Stationen in verschiedenen Agenturen gründete sie die Manufaktur für Grafikdesign München–Moskau.

Die Leidenschaft der gebürtigen Moskauerin gilt der kyrillischen Typografie. Durch die intensive Beschäftigung mit der Schrift verfügt sie über fundierte Kenntnisse in Satz wie in Detailtypografie und ist bestens vertraut mit dem russischen Markt.

E-Mail: sarapina@tgm-online.de