Studienreisen & Exkursionen

26. November 2017, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Resonanz in Sankt Gallen: Die Tÿpo 2017

 

Bei der heutigen großen Zahl an Tagungen zu Typografie und Gestaltung wird häufig ein generelles  Thema genannt. Die Tÿpo in Sankt Gallen hat für ihre Tagung 2017 das Thema »Resonanz« gewählt. Das passt natürlich zu vielem, denn Resonanz ist ja das, was sich Gestalter als Wirkung auf ihre Arbeit wünschen könnten. Der Vergleich mit der Resonanz in der Musik ist dabei passend. Ein »Mitschwingen« des Betrachters oder Nutzers der gezeigten Typografie und Gestaltung wäre ein schöner Erfolg.

Für meinen Bericht wollte ich untersuchen, was es mit dem Thema »Resonanz« der einzelnen Vorträge auf sich hat und wie relevant dadurch ein Vortrag für mich wird. Aber schon in der Einführung durch Roland Stieger zur Tagung wurde klar, dass es diesmal sehr leicht sein wird das Thema zu benutzen. »Die Resonanz aus dem Gegenüber in den Begegnungen in sehr freundlicher Atmosphäre« schuf einen Resonanzraum, wie es Clemens Theobert Schedler zu Beginn seiner Moderation nannte. Schedlers Moderation mit seinem wunderbaren absurden Humor trug dazu viel bei.

Nina Stössinger begann ihre »Annäherung an Schrift« mit einem Rückblick auf ihren beruflichen Weg. Der Beginn mit ihrer Schrift »Ernestine« als Basis, Studium in Halle, Zürich und den Haag. Jetzt in New York bei Frere Jones tätig. Geduld und Beharrlichkeit sieht sie als Voraussetzung für den Weg des Schriftentwerfers. Viel Machen und das Handwerk üben, Inspirationen aus allem und das Staunen bewahren. klingt recht positiv.
Die Kontrastart in der Schrift, hoch oder quer? Der Bezug auf das Schreiben ist fast immer noch vorhanden. Es entsteht eine Schrift, die ganz ungewöhnlich das Gewicht an den Horizontalen verstärkt: Nordvest. Die Lesbarkeit ist trotzdem erstaunlich gut. Einfach ist der Regelbruch, meint Stössinger, aber dann muß man die neuen Regeln aufstellen, das macht viel mehr Arbeit.

Mit dem Unterschied zwischen dem russischem Brand und Whysky stimmt Victoria Serafina auf ihren Wodka-Vortrag ein. Schnaps-Geschichten aus Russland folgen. Der Ursprung war natürlich Medizin. Es folgen Zierbänder von Schriften an Gefäßen, Schriftbeispiele an Flaschen und Etiketten; kuriose Illustrationen und die Typografie des 19. Jahrhunderts. Druckernamen finden sich auf den Etiketten, und das auch noch in der Sowjet Union. Für die Art des Wodkas zählt der Übergang von Kartoffeln und Weizen. Ein Alkoholverbot führte zum Sturz des Zaren. »Wir sehen uns unter dem Tisch«, als Trinkspruch. Und nebenbei oder hauptsächlich die Typografie au den Wodka-Flaschen.


Im Programm stand: Klassisches Grafikdesign mit verführerischen Einfachheit. Dazu verführte Peter Felder, schlicht und einfach. Die Hervorhebung des Handwerklichen, wie es manchmal aus der Zeit vor der Computer hauptsächlich für den Printbereich bekannt ist, führt zu einem wechselnden Spiel zwischen Print und Digital. Schöne Logos aus verschiedenen Branchen, ziemlich streng schweizerisch, und diezurückhaltende Typografien lassen Felders Arbeiten sehr sympathisch erscheinen.

Cordula Allesandri stellt ihr Atelier mit einem bizarren Film vor, erzählt ihr Lebens, lernte bei Joey Badian. Ihre Arbeit mit Markenpersönlichkeiten und ihre Seminare mit Studenten zu Erotik, Kochen oder Wein haben sie sehr bekannt gemacht. Ihre unkonventionelle Vortragsart hat etwas »wildes« an sich, wobei ihre Arbeiten sehr diszipliniert erscheinen.

Joost Hochuli betont bei der Vorstellung seiner Broschüre »Das Alphabet der guten Nachbarschaft« wie sehr der Rhein ein vernünftiges Verbindungsglied zwischen Vorarlberg und der Ostschweiz ist.
Hochulis strenger Vortragsstil stand im Kontrast zu den fröhlichen Bühnenerreignissen dieser Tagung. Ein historischer Rückblick der Geschichte beider Landesteile machte deren Nähe klar. Übrigens stimmten im Jahr 1919 82 % der Bevölkerung Vorarlbergs für einen Anschluß an die Schweiz, was von dort aus aber abgelehnt wurde.


Von David Pearson erfuhr man viel über die Gestaltung bei PenguinBooks. Für uns zählt ja oft als besonders bedeutend, dass Tschichold bei Penguin als bahnbrechender Buchgestalter wirkte. In diesem Sinn kann man die vielfältigen Arbeiten Pearsons als Vermittlung zwischen Tradition und moderner Buchgestaltung sehen.

Silja Götz zeigt den Weg ihrer Illustration, »als die Illustration weg vom Fenster war«. Sie hatte zunächst als Layouterin gearbeitet, arbeitete für das Allegra-Magazin in Hamburg und ging dann nach Madrid. Sie  erzählt von den Schwierigkeiten der Freiberufler generell, betont wie sehr es ihr darauf ankam, Arbeiten nicht gratis zu machen, denn allein eine Veröffentlichung ist nicht genug. Gestalter sind Experten ihres Faches und etwas umsonst zu machen sieht sie zurecht als Beleidigung an. Als Illustratorin ist sie sehr erfolgreich und ihr Vortrag war eine amüsante Werkschau der eigenen Arbeiten.

Sonja Knecht war der »Überraschungsgast« der Typo Sankt Gallen. Mit der Resonanz auf ihren Text, verbindet sie gleichzeitig ihr Kerngebiet, die Typografie. Sie war viele Jahre Director-Text bei Edenspiekermann; schreibt für Fontshop und die Typo Berlin. Wie Texte, die laut vorgelesen werden, bei der Präsentation anders wirken können hat die Zuhörer in Sankt Gallen beeindruckt. Knappe Texte als in Worte gefasste Stimmung, um eine Marke zu erklären, bedarf sehr großer Sorgfalt. Besonders spannend war Knechts Darstellung eines langwierigen Prozesses, als für einen Kunden die Namen von vier Restaurants gefunden werden sollten. Vom ursprünglichen Misserfolg bis zu den Zwischenstationen, den Gehirnstürmen, sogar mit Leuten, die nichts mit dem Projekt zu tun haben.

Matthias Flückiger, der lange zum Ensemble des Theaters Sankt Gallen gehörte, setzte auf eine ganz andere Resonanz. Mit großer Rhetorik ließ er Buchstaben verschwinden. Erst einen und dann immer mehr. Bei fehlenden 5 Buchstaben wurde der Text wunderbar dadaistisch.

Mit Matteo Bologna und seiner Agentur Mucca kam ein erfolgreicher junger New Yorker nach Sankt Gallen und zeigte »coole« Arbeiten. Zwischen der Gastroszene und der Agentur (»Branding und Design vom Feinsten«, schrieb die Typo St. Gallen in ihrer Ankündigung). Er ist auch derzeit der Präsident des Type Directors Club.



Resonanz aus dem Klang vergleicht Remo Caminada bei einer Glocke, die auf unterschiedlichen Ebenen geschlagen wird und dadurch unterschiedlich klingt. Sofort fallen mir Vergleiche zur visuellen Gestaltung ein. Caminada, der Design, visuelle Gestaltung, und zur Zeit Gesang und Komposition studiert, verbindet die Welt des Klangs mit der des Sehens und Wahrnehmens. Für die Gestaltung bedeutet das oft: Nach der Idee und im Prozess der Realisierung bedeutet das oft: Reduktion. Welche Gesetzmäßigkeiten können beibehalten werden? Remo Caminada brachte das Auditorium zum Singen. Eine sehr einfache Übung: Man singt einen Ton und Caminada versucht die Obertöne zum Schwingen zu bringen, Resonanz also auch hier.

Zwischen leichtem Entsetzen und völliger Faszination sehe ich die Arbeiten und bunte Welt von Fidel Peugeot. Eine ganz andere Welt der Gestaltung tut sich auf. Jedoch überzeugt Peugeot, da er für seine Sache richtig »brennt«. Sein Spiel mit Harmonie und Disharmonie, das Beurteilen der Details, der Wille Formen zu erzeugen und die Resonanz der Gestaltungsmittel auf den Nutzer sind überzeugend. Zum Schluß spielt er auch noch Gitarre (eine akustische!). Von der Apotheken-Ausstattung bis zum Rapper-Plakat, vielfältig und recht farbig. Und alles begründet und durchdacht!


Während ein Teil der Tagungsteilnehmer in der wunderbaren Stiftsbibliothek weilte, hielt in der alten Hauptpost Hans Peter Kaeser einen Vortrag  über den Weg der Buchgestaltung in der Schweiz. Das begann zwar erst außerhalb, mit Boccachios Decamerone zu den Insel-Ausgaben von 1904 und 1909, die Walter Tiemann gestaltet hatte.
Die Büchergilde und ihr Bezug zur Arbeiterbewegung und ihre Emigration in die Schweiz mit den von Tschichold gestalteten Bild-Text-Büchern, Lisitzky, Kunstismen, Hearfield und die Arbeiter Illustrierte Zeitung sind Zeugen einer lebendigen Gestaltungsepoche. Und die frühe Moderne bis zur Jahrhundertmitte wurde vom Kaeser sehr kompetent erklärt (die besprochenen Bücher finden sich unter http://www.typo-stgallen.ch/TypoSG-Buecherliste-HPKaeser.pdf)



Roland Früh sprach über einen für die Schweiz besonders wichtigen Gestalter: Rudolf Hostettler. Der Nachlaß befindet sich in Sankt Gallen und wird von Früh bearbeitet. Aus der Sammlung hatte er eine große Auswahl mitgebracht. Und so konnte man allerhand bewundern, Ausgaben der tm, Systeme des Machens für ein grafisches Wörterbuch oder Briefe wie Tschicholds Kritik an Weingarts tm-Umschlägen von 1972.
Ein weiterer Bereich drehte sich um André Gürtler, Typograf und Lehrer in Basel, der zuvor mit Frutiger im berühmten Atelier Holenstein in Paris zusammen gearbeitet hatte. Beeindruckend eine kleine Skizze, die zur Concorde führte.

Zusammengefasst hatte die Tÿpo 2017 einen hohen branchenspezifischen Unterhaltungswert und war auch begehrter Treffpunkt zwischen Teilnehmern und Referenten. Bei einigen Vorträgen würde etwas mehr fachliche Tiefe zums publikumswirksamen Auftritt nicht schaden.

 

Fotos Michi Bundscherer; abgebildete Arbeiten von den Referenten

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