Über den Tellerrand

2. November 2016, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Papier funktioniert und kann sehr schön sein

Unter den inzwischen zahlreichen Tagungen zur visuellen Gestaltung hat die siebte Creative Paper Conference längst ihren Platz behauptet. Vermutlich trugen hierzu ganz wesentlich die Aussteller bei. Novitäten, aber auch Basisprodukte wurden vor allem aus der Papierindustrie und aus den heute so aktuellen Techniken der Veredelung gezeigt. Das bietet gute Informationen. Gestalter sind meistens nicht auch gleichzeitig Produktioner. Doch auf dieser Tagung erhält man viele praxistaugliche Informationen. Die Stimmung auf der Konferenze, die von Bettina Schulz und Christine Moosmann von »novum - World of Graphic Design« moderiert wurde, war kollegial und das führte zu interessanten Gesprächen.

Durchgefärbte Papiere. Basis im Feinstpapiergeschäft: Colorplan von Römerturm
Wie der Konferenzname schon sagt, geht es vor allem um Papier, also das Material, auf dem wir vor allem drucken. Anfassen, Fühlen, Riechen, halt das analoge Sein, was man an den Ständen der Aussteller vorzüglich erleben konnte. Doch wie wird das in den Vorträgen vermittelt?

Die Basis zum Thema schildert Katja Knahn (paperkate). An ihren Überschriften zeigt sich die Denkweise, die für eine funktionierende Arbeit wichtig ist. Designer sind nicht die einzigen Kreativen in der Branche, sondern auch der Produktioner, falls er gut ist. Ideen sieht sie als Momentaufnahme und noch lange nicht als Lösung, die Kreation als einen Prozess. Abläufe können deshalb nicht von oben oder unten angeordnet werden. Um Lösungen zu finden ist die Zusammenarbeit verschiedener »Rollenträger« entscheidend. Dazu gehört Respekt und Vertrauen in die jeweiligen Partner, und die Zusammenarbeit muß auch, um »echt« erfolgreich zu sein Spaß machen. Kreativität kommt nicht ohne Disziplin aus und manches Nachdenken ist billiger als schon drucken.
Mit diesem Hintergrund zeigt sie Arbeiten aus Ihrer Praxis, die sie seit einigen Jahren in ihrem eigenen Büro entwickelt und zuvor bei Kochan & Partner durchgeführt hat.

Unter den Gestaltern ist die Wertschätzung und Liebe zum Papier und den Materialien groß. Zeigt sich ja schon bei einfachen Druckwerken, daß die Rolle des »haptischen« Druckträgers sehr wichtig ist. Wie stellen nun Gestalter diesen Bezug her?

Versuche vor dem Entwurf eines Logos (Zeichen & Wunder)


Das kann in perfekter Präsentation passieren wie bei Michaela Zeman und Annika Kaltenthaler von »Zeichen & Wunder«. Anhand der von ihnen gestalteten Projekte finden sie den Bezug zum Papier schon beim Entwerfen, Malen, Schreiben und Scribbeln. Die Recherche in Archiven und die damit verbundenen Entdeckungen, die auch mit den Materialien zu tun haben kommen immer wieder auf Papier zurück. Das Besondere auf Papier wird hervorgehoben.

Bei Erwin Bauer spielt die Arbeits-Umgebung eine große Rolle. So schwärmt er von dem Ort, an dem er sein Büro hat, der Alpenmilchzentrale Wien, betont seinen handwerklichen Bezug als ehemaliger gelernter Landwirt. Spannende Arbeiten gibt es vor allem beim Spiel von Farben für die Architekturbienale Venedig und bei einem sehr einfachen Orientierungssystem für den Einzug von Flüchtlingen oder einer Druckerei, die auf den Lieblingsfarben der Mitarbeiter aufbaut.

Einfache farbige Papiere und einfache Typografie für ankommende Flüchtlinge in Wien (Erwin Bauer)


Marcus Kraft, der wie manche andere auch unentwegt auf der Bühne hin und her läuft, zeigt sein kleines Büro, das in einen Mercedes Sprinter passen muss. Auch eine Art von Materialbezogenheit. Das Leben besteht ja nicht nur aus Kultur, sondern auch die Dinge des Alltags müssten gut gestaltet werden. Das zeigt er in der Gestaltung einer schweizer Apothekenzeitschrift, was wahrscheinlich einer bestimmten jungen Leserschicht gut gefällt. Gestalter sind oft auch bildende Künstler, oder die Sehnsucht danach ist groß. So – nun auch wieder Papier – führt  Kraft seine Varianten von Zerstörungen Hundert- Dollarscheinen vor.

Money for Nothing von Marcus Kraft

Pur am Papier ist Martha von Maydell mit Ihren Illustrationen, die in allen Details aus ausgeschnittenen Papierelementen bestehen. Dagegen stellen Lisa Borges und Lucie Schibel (Studio Marven) ihre besonderen Modemagazine vor. Viel handwerkliche Grundarbeit und ein experimenteller Anspruch, was auch besonders gut funktioniert, wenn (wie sie sagten) man keinen Kunden hat; also der eigene Auftraggeber ist. Mit dem üppigen Magazin für Geese-Papier sieht das natürlich anders aus: Papierproben als Magazin.

Illustration aus präzise geschnittenen Papierdetails (Martha von Maydell)

Matthias C. Hühne fragt, wann das Papier  noch das perfekte Erzählmedium sei. Die Frage ist eigentlich längst beantwortet. Hühne hat in einer Art Selbsterfahrungstripp ein teures und riesiges Buch über Airline-Marken gemacht. Natürlich auf Papier. Und Fons Hickmann sagt nicht nur Servus (wie im Programm angekündigt) sondern führt wie immer seine sehr schöne Plakate vor und erwähnt auch den Druckträger, Affichenoffset, womit der Bezug zur Konferenz hergestellt ist.

Textbezüge sichtbar (Niels Schrader)

Niels Schrader zeigt etwas, was eigentlich digital besser funktionieren würde. Aber das Projekt eines Geschäftsberichts für die Mondriaan Stiftung ist von so wunderbarer und absurder Funktion. Es findet nämlich eine Textvernetzung statt, die in hellblauen Strichen im Hintergrund durch das ganze Buch und zielgenau durch die Rohbogen läuft. Wobei das bläuliche dünne Papier wieder eine Situation des Konzeptionellen bietet. Ein wenig erinnnert das zunächst an Schneider-Schnittbogen. Dabei betont er das assoziative lineare Lesen und das »browsen« als Einsammeln kleinster Informationen.

Erneutes Fazit: Papier sinnvoll und intelligent bearbeitet ist wunderbar.







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