Über den Tellerrand

29. Juli 2012, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Nachhaltige Typo: Die Typo Berlin 2012

Gespannt flog ich zur Typo nach Berlin um über den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Gestaltung zu erfahren. Im Pressetermin lese ich allerdings, dass die Idee ein besonderes Anliegen der »Typo« wäre. Das verwirrt mich zunächst, denn was ist das besonders Nachhaltige in der Gestaltung? Aber warten wir mal ab.

Dem Versuch Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch zu sehen, mag kaum ein Referent negieren. Bernd Kolb (ehemaliger Vorstand für Innovation bei der Telekom) gibt die Hoffnung an die nächste Generation ab. Und was nun kommt, berechtigt kommt, müsste einigermaßen verantwortungsbewußten Gestaltern so weit zumindest bekannt sein. Kolb spricht vom Vortrag Al Gores, »die unbequeme Wahrheit« und von dem, was passiert durch den Klimawandel und dem Tanz ums Goldene Kalb als Sinnbild für die Börsen oder dem Club of Rome mit seiner Meldung vom 8-5-2012, und dass es so wie bisher auf keinen Fall weitergehen kann. Nicht der Konsum an sich wäre falsch, sondern es käme darauf an, was und wie man konsumiert. Wenn Europa 19 % der Weltbevölkerung darstellt, aber der Westen die meisten Ressourcen verbraucht und unser Konsummodell für die aufstrebenden Staaten als Vorbild gilt scheint damit ein Verteilungskampf programmiert zu sein. Die sieben Todsünden seien schon seit 2000 Jahre bekannt.
So wird Wasser in einigen Regionen ausgehen. Alle früheren Hochkulturen sind zwar untergegangen. Aber heute handelt es sich um eine globale Kultur. Wir wissen das, aber was geschieht damit?
Interessanter als die Todsünden wären die »Die sieben Tugenden« und die hängen von der eigenen inneren Haltung ab. Über einige der Tugenden:

Weisheit
Da ist die Weisheit, an der es so oft fehlt. Zwei Vorbilder: Descartes sieht den Mensch als Herrscher und Besitzer der Natur. Darwins Individualismus als Wettbewerbsprinzip. Aber auch Wikipedia und Crouwd sourcing könnten Weisheit unterstützen. Man bedenke nur die Kreislaufwirtschaft der Natur, wo kein Abfall produziert wird. Aber es gibt keine Nachhaltigkeit ohne Profitabilität. Ge-braucher wären deshalb besser als Ver-braucher.
Gerechtigkeit ist wohl kaum vorhanden wenn 1 % der Unternehmer heute 85 % des gesamten zur Verfügung stehenden Vermögens besitzen. Mut statt statt Angst wäre erforderlich. Dabei haben 38 % der europäischen Menschen psychische Probleme und seit 1994 hat sich das verdoppelt.

Mäßigung
Das rechte Maß finden. Nach Ludwig Ehrhardt und seiner Parole des Maßhaltens geschah das Gegenteil: Gewinne wurden privatisiert, Verluste wurden sozialisiert. Und Produkte werden zuwenig langlebig produziert.

Glaube
Kolb sieht den Hinduismus als »tolle« Gesellschaft mit einer großen Lebenszufriedenheit. Den materiellen Wert sieht er als Illusion und zitiert Erich Fromm »Vom Haben zum Sein«. Denn neue Gedanken brauchen ein neues Bewusstsein.

Liebe
Kolb sagt auch, dass für ihn die Liebe die wichtigste Tugend sei. Alles was man aus Liebe tut wäre richtig.
Die Versäumnisse im Leben und der Moment vor dem Sterben werden relevant.

Hoffnung
Und die Hoffnung drückt er so aus daß etwas Sinn hat und nicht nur dass es gut ausgeht.
Wir sollten bei uns selbst anfangen. Was machen wir morgen anders? Leider spürte ich im Kongreßsaal nicht die große Umkehr.


Nachhaltigkeit kommt oft auch als Zynismus, weswegen er den Begriff nicht mehr hören könne. Und nachhaltig zu leben sei zudem kein »Zuckerschlecken«. So beginnt der Verleger und Gestalter Lars Müller. Viele Gestalter kämpfen heute um ihre berufliche Existenz. Wer heute gut verdient kassiere eher Schweigegeld.

Das Buch in seiner gedruckten Form sei in jedem Fall nachhaltig. Klimaneutrale Produktion und Transportenergie als bewusstes Problem sind heute bei den Druckpartnern fast selbstverständlich geworden. Dagegen verbrauchen elektronische Medien 8 % der Energie!
Dann blickt Müller zurück auf seine eigenen Arbeiten, sowohl als Gestalter als auch als Verleger. Und da kommen sehr viele Aspekte einer Nachhaltigkeit zum Vorschein. Eine Kampagne gegen die erste McDonald Eröffnung in der Schweiz oder wie das Schweizer Kulturradio gerettet wurde.
Arbeiten für Swatch (ist es nachhaltig so viele Uhrvarianten zu produzieren?), und schließlich die Arbeit für die Menschenrechte bei den Vereinten Nationen. Müller wollte mit seiner Arbeit einer verantwortlichen Kultur dienen.

Gleichzeitig propagiert er stark visualisierte Bücher. Dort fehlen zugunsten der bildlichen Wahrnehmung des Lesers die Legenden, was ja höchst zwiespältig gesehen werden könnte.
Das Buch würde nach seiner direkten Erfüllung des Lesens und Wahrnehmens beim Leser zum Zeitzeugen. Die gesamte literarische Produktion könne als nachhaltig bezeichnet werden.
Ein Visual Reader sei dieses erste Projekt über Menschenrechte. Die Texte hätten eine maximale Lesedauer von zwei Minuten. Gestaltung hätte sich für ihn heute geändert. Ebenso wichtig wäre, dass nicht kaputt gestaltet wird. Und: Nachhaltigkeit in der Gestaltung sei, wenn möglichst viele Menschen diese erzählen.


Nachhaltigkeit fängt dort an, wo die Information über ein Unternehmen beginnt, mit dem man zusammenarbeiten will. Da zuckt man doch zusammen. Michael Schirnen hat sich vor Jahren schon bekannt gemacht mit seiner Theorie, dass Werbung Kunst sei. Und dann beginnt seine Werkschau, die schon sehr beeindruckend ist. Aber angeblich geht das Verständnis über Computer in Deutschland auf seine IBM- Anzeigen zurück. Das ist zwar alles kaum nachhaltig, doch zeigte er mit seinen Arbeiten durchaus ästhetische Qualitätswerbung wie VW Golf-Einführung, der den Käfer abgelöst hat. Jägermeister, Pfanne, Creme 21, Servus, WDR 1 (mit Ohr), Post -Einführung des Acht-Minuten-Taktes (mit Bibel-Zitat) oder die Düsseldorf Kampagne.


Matthew Butterick versucht sich als Anwalt und Typograf gegen Strömungen der sinkenden Erwartung. Er sieht »Probleme lösen« als die niedrigste Form des Designs. Design sollte etwas Menschliches einfügen, Menschen bereichern. Wie gehen wir damit um? Beispielsweise hatte das Web 1995 noch keine eigenen Schriften. Erst 2010 kamen die Webfonts auf den Markt. Die lange Zeit ließ die Erwartung sinken. Soll man da geduldig sein? Für das Web arbeiten hauptsächlich Hobbydesigner, weswegen nichts besser geworden sei. Und Google hätte keine Erwartung und Standpunkt zur Schrift. (»Als wollte man Chefkoch bei MacDonalds werden«).
Kindle fordere dazu auf, dass die Leser ihren Anspruch senken. Bei IBooks wird so schlechte Qualität akzeptiert. Butterick ist selbst ungeduldig, macht seine Bücher nicht mit Verlegern, sondern setzt sie ins Netz, um mit den Lesern direkt in Kontakt zu kommen.

John Hudson fragt wie die Ausbildung verändert werden muß. Verantwortungsvolle Designer würden gebraucht, die nicht nur irgend etwas verkaufen wollen. Und das fantastische Design dürfe nicht der Nachhaltigkeit widersprechen. Ein Konzept für ein verantwortliches Design müsste entstehen. Doch reicht es sicher nicht, wenn in den Vorträgen öfters das Wort Nachhaltigkeit eingeflochten wird.


Michael Hardt sieht den Gestalter als die zukünftige zentrale Figur zwischen dem bisherigen Auftraggeber und dem Ge-braucher. aber darüber mehr im Bericht über den tgm-Vortrag von Hardt).


Jeff Faulkner fragt, wie wir aus diesem Chaos heraus heraus kommen? Große Probleme brauchen große Lösungen. Und die Gestalter müssten ein bisschen übermenschlich werden. An großen Worten fehlte es also nicht. Ob denn Crowdfunding nachhaltig ist, nur weil so viele mitmischen ist nicht so sicher und ist überhaupt so eine große Konferenz wie die Typo nachhaltig?

Buchstaben aus Stein und in Beton gegossen halten lange. In Blackpool gibt es einen großen Platz, der in großen Mengen Textzitate und damit Schriften enthält. Es sind derbe Sprüche von englischen Komikern, die in Schriften vor allen des 19. Jahrhunderts eingebettet sind. So hat der Ort eine von Andy Altan gestaltete neue Attraktivität mit einer eigenartigen Idee erhalten. Altan bemerkt dann auch, dass dieses Material lange halten wird und fand das dann in Selbstironie nachhaltig.

 

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