Buchsucht

17. Oktober 2016, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Methoden und Spiel im Experiment. Über ein wichtiges Kompendium zur Gestaltung

»Wie können Experiment und Methode für die Gestaltung nutzbar gemacht werden? Gerade in diesem Fachgebiet wird der Begriff ›experimentell‹ häufig mit einer gewissen Willkür verwendet«. So kündigt der Verlag das Buch an und meint damit, dass in Kunst und Gestaltung methodische Experimente zu Findungen Lösungen und Einfällen, also zu Kreativität führen, die nicht nur auf Intuition zurück zu führen sind. 

Betina Müller und Armin Lindauer beziehen sich in ihrem Buch auf ihren einstigen Lehrer an der HdK Berlin, Helmut Lortz. Beide haben wohl auch viel von ihm in ihre jeweilige Lehrtätigkeit übernommen. Das Buch zeigt auf 400 Seiten Beispiele über Beispiele. Doch sind die einführenden und dazwischen liegenden Texte nicht nur wichtig zum Verständnis des Buches, sondern sind darüberhinaus sehr kluge und wissende Erläuterungen zu den Themen.

Die Themen heißen:
Basis
Interpretation
Variation
Relation
Sequenz.

Neben Arbeiten der Autoren gibt es viele Beiträge von Studierenden, aber auch Gast-Beispiele von bekannten Gestaltern und Künstlern.

In der »Basis« zeigt sich bereits, wie mit einfachen Möglichkeiten schon erstaunliche Ergebnisse entstehen.
Mit der »Interpretation« kommen Verfahrenstechniken ins Spiel, wobei in der »Variation« die kreative Verknüpfung erfolgt. Ergänzen mehr Elemente ein Thema kommt es zur »Relation«. Im Kapitel Sequenz erreicht man den größten Freiheitsgrad.



Natürlich ist nicht alles, was als Serie auftritt, schon experimentell, worauf die Autoren hinweisen. Im vorausgehenden Text beschreiben die Autoren den Entwurf einer Systematik visueller Methoden. Das beginnt mit der Klärung des Begriffs »Experiment«, sowohl wissenschaftlich als auch für die Gestaltung. Das bedeutet auch, dass Wissenschaft und Gestaltung (oder Kunst) nicht mehr länger auseinander gehalten werden brauchen, sondern sehr viel Gemeinsames haben.

Fakten und Daten müssen erforscht und ermittelt werden, die bildlichen Vorstellungen des Gestalters, die dem eigentlichen Schöpfungsprozess vorausgehen, sind für den Gestaltenden wesentlich, wobei die eigenen ästhetischen Erfahrungen mit einfließen. Einige Arbeiten werden beispielgebend auch in ihrer Methodik beschrieben. Das beginnt mit Künstlern wie Gustave Courbet, Claude Monet, Alexej von Jawlensky, Pablo Picasso, Josef Albers, Bernd und Hilla Becher.

Wer gestalterisch experimentieren will und zu neuen und guten Ergebnissen kommen will, jenseits von platten Vorgaben, der findet hier sehr viele Anregungen, um das Feld seiner Möglichkeiten zu erweitern. Und eben einen klugen einführenden Text.

Zur Gestaltung des Buches: Sie ist logisch, die Typografie nimmt sich völlig zurück, hat fast (positiven) Dokumentencharakter. Beim Durchsehen ist das ständige Drehen (die Legenden zu den Seiten stehen immer senkrecht) ergonomisch etwas anstrengend. Der schöne, modische offene Rücken   (sehr gutes Blätterverhalten) entzückt später nicht mehr, denn ich werde das Buch in der Bibliothek kaum mehr finden können. Es sei denn ich gestalte mir ein Rückenschild. Trotzdem eine großartige Sammlung.

Mehr Abbildungen unter
http://www.experimentaldesign.eu/


Armin Lindauer, Betina Müller:
Exmerimentelle Gestaltung.
Visuelle Methode und systematisches Spiel
424 Seiten mit 3.000 Abbildungen
205 x 260 mm,
offene Fadenheftung mit Folienumschlag
niggli, Zürich, 2015
ISBN 978-3-7212-0912-9
49,80 Euro

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