Buchsucht

27. Oktober 2011, 0 Kommentare
Oliver Linke

Max Bollwage: Buchstabengeschichte(n)

 

»Es ist bestimmt keine Strafe, in dem Buch zu lesen« sagt Max Bollwage augenzwinkernd über sein neues Buch, die »Buchstabengeschichte(n)«. Beim ersten Duchblättern macht mich das konservative Layout misstrauisch; die unzureichende Qualität einiger Abbildungen stört, manche sind durch Einfärbungen sogar regelrecht verfälscht worden.
Doch beim Lesen offenbart sich schnell: die formale Schwäche macht der Inhalt schnell wieder wett. Die gut strukturierte Sammlung an Episoden aus der Schriftgeschichte ist kurzweilig geschrieben und gut verdaulich. Bollwage gliedert den riesigen Zeitumfang von den ägyptischen Hieroglyphen bis ins 20. Jahrhundert in klare Abschnitte und bettet die Entwicklungen der Schrift immer anschaulich in den jeweiligen historischen Kontext ein. Dabei nimmt man auch gerne kleinere Abschweifungen, wie etwa über Aphrodites Nase, in Kauf. Das ausführlichste Kapitel widmet der Autor den Gebrochenen Schriften; eines der interessantesten Kapitel hingegen scheint mir das vorletzte zu sein: Hier entwickelt der Autor eine neue Stilgeschichte von der Nachkriegszeit bis zu den Anfängen der »Mac-Typografie« und deckt durch Vergleiche mit Architektur und Produktdesign gestalterische Strömungen in Schrift und Typografie auf.

 

 

Bollwage versucht bei seinen Erzählungen den schwierigen Weg, detaillierte wissenschaftliche Erkenntnisse auch für den unbedarften Leser einfach und verständlich zu präsentieren. Dabei bringt er neue Beobachtungen ein und räumt mit so mancher alten Mär auf. Er stellt beispielsweise richtig, dass die »Old English« aus Frankreich stammt und die Humanisten Klein- und Großbuchstaben keineswegs irrtümlich zur »Antiqua« verbanden. Sehr schade ist, dass dabei überhaupt nicht ersichtlich ist, woher seine Informationen stammen – Quellenangaben? Fehlanzeige!
An einigen Stellen vermischt Bollwage die sachliche Erzählung mit Kommentaren und subjektiven Wertungen. Wahrscheinlich werden einige nicht zustimmen, wenn er in der Schweizer Typografie eine »falsche Typografie« sieht.

 

Trotz Bildqualität und fehlenden Quellen kann ich das Buch guten Gewissens empfehlen: Wer den Einstieg in das verwirrende Labyrinth der Schriftgeschichte sucht und wissenschaftliche Belege ohnehin eher als störend empfindet wird nicht enttäuscht sein. In den Buchstabengeschichten paart sich tiefgründiges Wissen mit verständlicher Sprache, und das findet man schließlich heute selten genug.

 

Max Bollwage: Buchstabengeschichte(n)
Wie das Alphabet entstand und warum unsere Buchstaben so aussehen
Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 2010
24,90 EUR
ISBN: 978-3201019149

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