Buchsucht

16. Juni 2013, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Macht durch Schrift oder ein Ansatz zur Designforschung?

Eigentlich sind das recht verschiedene Texte, die hier zu einem Buch zusammengefasst wurden: Designforschung, analytische, historische Betrachtungen zu Schrift und Typografie und einzelne historische Betrachtungen.

Bei den Betrachtungen geht es um Highlights der Buch- und Typografiegeschichte. Über den Teil des Faschismus gibt es ja ein separates Buch (NSCI, siehe »vier Seiten« Nr. 39 März 2009) und über Schrift und Macht sprach Koop im vergangenen Jahr in Mainz (Beitrag im tgm-Blog »Schrift und Macht in der Welt«).

Der Zusammenhang zwischen Herrscher und Schrift, bzw. den ausführenden hierzu wird bei Koop schlüssig erläutert. Ich glaube, dass diese Querbezüge zur Schriftgeschichte sehr wichtig sind und einen Teil eines kulturellen Bewusstseins ausmachen. Behandelt werden Karl der Große, Maximilian I., König Ludwig XIV., Napoleon I. und im 20. Jahrhundert Kemal Atatürk, Adolf Hitler, Benito Musslini und die Bundesrepublik Deutschland sowie die Gegenpositionen in politischen Alternativen.

Über die Problematik der Designforschung geht es im ersten Teil generell. Ruedi Baur schreibt in seinem informativen Vorwort vom Kontex, in dem wir uns als Leser befinden, der unsere Wahrnehmung stark mit beeinflußt. Der Designer bestimmt diesen Einfluss durch die Wahl der Schrift, die Form, die er dem Text gibt. Da der Gestalter mitverantwortlich ist für eine »Macht«, die ein Text mit transportiert ist auch die Verantwortung dementsprechend groß. Fraglich ist auch die Kompetenz des Designers, wenn er lediglich das schafft, was der Wirtschaft dient und ihre Kunden bindet, aber nicht das, was die Gesellschaft braucht (eben hat Peter Kümmel in der »Zeit« vom  6. Juni 2013 der Werbung und den Agenturen einen schrecklichen Spiegel vorgehalten).

Andreas Koop spricht für eine Designforschung als Disziplin und welche Möglichkeiten hierfür offenstehen. In der Forschungslandschaft hat es Design noch schwer, da eben auch der Begriff des Designs nicht klar umgrenzt ist. Zwar sprechen größere Agenturen auf ihren Websites von »Labs« oder »Research«. Aber ob es da schon um Forschung geht oder eher um die Aufwertung der Agentur ist zumindest nicht klar. Die Veränderbarkeit der Welt ist voller Reiz und  es gelingt vielleicht besser, wenn Wissenschaftlichkeit einbezogen wird.

Für die Ursprünge der Designforschung nennt Koop lediglich  Otto Neurath und Otl Aicher. Wobei Aichers Beitrag in den Rahmen der hfg Ulm fällt, die ganz zweifellos den wichtigsten Ansatz zur Designforschung innerhalb der eigenen Szene initiiert hat. Bei den Ansätzen zur Forschung folgt Koop den Theorien, dass es Forschung über Design gibt, Forschung für das Design und Forschung durch das Design. Forschung über Design findet man in der Designgeschichte oder in einer immer mehr zunehmenden Designkritik. Die Methoden stammen meistens aus anderen Disziplinen. Wenn für Design geforscht wird steckt häufig ein konkreter Auftrag dahinter. Diese Ergebnisse sind meistens nicht öffentlich und werden erst publik wenn das eigentlich im Vordergrund zu beforschende Projekt sich gut verkauft hat. Forschen durch Design könnte interdisziplinär erfolgen und mit der Entwicklung eines neuen Designs die Reaktionen untersuchen.

Wo fängt nun Designforschung an? Sicher gibt es bereits vieles, was schon im Vorfeld darauf hindeutet. So entstehen doch immer häufiger Diplom- oder Abschlussarbeiten, für die der Verfasser recht intensiv einen Teilbereich erforscht hat. Und selbst Semesterarbeiten oder Studien bieten sich hierzu an.

Das Buch ist vom Autor sehr sorgfältig gestaltet. Es ist eigentlich ein Textbuch mit gelegentlichen Abbildungen und da frage ich schon, warum das Buchformat so groß sein muß. Natürlich kann man mit größerem Format mehr gestalten aber die Bilder rechtfertigen kaum das Format von 195 x 250 mm. Man muß deshalb am Tisch lesen (was die Besprechung dieses Buches verzögert hat). Und noch eine Frage zur Lesefunktion: Die Absätze sind überbetont (oder ist das »designspezifisch«?), da danach immer eine Leerzeile kommt und zudem noch ein tiefer Absatz-Einzug von einer guten Drittel Zeile, das »hämmert«. Die Bildlegenden in hellem Goldgelb sind nur bei Tageslicht lesbar. Dabei fasziniert mich das Buch sehr und schon deswegen wäre ein Register noch was tolles gewesen.

Andreas Koop
Die Macht der Schrift
Eine angewandte Designforschung
304 Seiten
Niggli Verlag Sulgen, 2012
46 Euro
ISBN 978-3-7212-0780-4

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