Buchsucht

13. Juni 2014, 0 Kommentare
Oliver Linke

Karbid – vom gemalten Buchstaben zur gedruckten Type

Eine ganz besondere Mischung aus Schriftmuster und Schriftgeschichte ist dieses Buch, das Verena Gerlach zusammen mit Fritz Grögel und Sébastien Morlighem herausgegeben hat. Fred Smeijers schreibt in seinem Vorwort »Die Geschichte der Typographie muss in Bewegung sein« und trifft damit zielsicher den Geist der Publikation. Grögels Recherchen zu den Schriften im öffentlichen Raum werden unser Bild der Typografiegeschichte verändern.




Sébastien Morlighem beginnt mit seiner allgemeineren Darstellung von der »totalen Ausbreitung der Schrift« im städtischen Raum. Er schlägt den Bogen von der Trajanssäule bis heute und macht dabei sichtbar, welch immensen Einfluss die Schrift des öffentlichen Raums Einfluss auf die Geschichte der Buchstaben hatte. »Mehr als alle anderen Refugien [ist die Stadt] die Hochburg der Schrift: sie ist es, die die Schrift den Blicken der größtmöglichen Zahl an Lesern präsentiert.«



Im zweiten Beitrag widmet sich Grögel der Geschichte und den Formen des deutschen Lettering. Systematisch durchkämmt er Schriftformen und Reproduktionstechniken, Materialien und Anwendungsbereiche, und bebildert das Ganze anschaulich mit zahlreichen Beispielen. Der Artikel ist damit ein Meilenstein in der allzu spärlichen Forschung zum deutschen Lettering.



Auch der andere Beitrag Grögels zur Berliner Schriftmalerei ist nicht minder wertvoll: Ausgehend von den fotografischen Schriftporträts Verena Gerlachs, die sie noch Anfang der 90er-Jahre machte, nähert er sich den verschwindenden Buchstabenleckerbissen der Stadt an. Er klassifiziert verschiedene Formen, setzt sie in Beziehung zu den umgebenden Flächen und der tragenden Architektur und beschreibt Sonderformen und Eigenarten. Interessant sind die präzisen Anweisungen dazu, die Grögel in den zugehörigen Lehrbüchern der Schriftenmaler-Zunft findet.



Das Buch schließt mit einer Sammlung von Kurzporträts von Menschen, die im Lettering tragende Rollen spielten, wie etwa Julius Klinger, Rudolf von Larisch, Anna Simons oder Friedrich Soennecken.



Nicht nur inhaltlich ist der Band spannend, auch die Form ist »anders«: Äußerlich wirkt das Buch wie ein Schriftmuster, das sich wie eine zweite Ebene durch das Buch zieht. Sobald man aber verstanden hat, dass die Texte alles andere als Blindtexte sind, verschmelzen Form und Inhalt zu einem gelungenen Ganzen.
Die umfangreiche Schriftfamilie FF Karbid Pro gibt es als »Normal-«, Display- Text- und Slab-Version. Jeder Schnitt verfügt außerdem noch über zahlreiche Zeichen-Variationen, so dass der Setzer richtig Spaß haben kann.




Verena Gerlach, Fritz Grögel, Sébastien Morlighem, Fred Smeijers:
Karbid. Berlin – De la lettre peinte au caractère typographique
Reihe: Bibliothéque typographique
Dreisprachig: Französisch, englisch, deutsch
132 Seiten
Format 22 x 30 cm
Ypsilon Éditeur, Paris, 2013
ISBN 978-2-35654-024-9
37,– EUR
http://ypsilonediteur.com/fiche.php?id=118
Fotos: Oliver Linke

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

CAPTCHA

Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisiertem Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.