Typofikationen

13. August 2014, 1 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Josef Müller-Brockmann 100. Ein sehr persönlicher Nachruf

1962 auf einer Trampreise durch die Schweiz, das Ziel waren die Bauten LeCorbusiers in Frankreich, blieb ich tief beeindruckt an einer Straßenecke stehen. Ein Plakat, das nur ein Foto und zwei Wörter enthielt und so die darin enthaltene Aufforderung klar und grafisch radikal wiedergab, hatte mich total getroffen: Weniger Lärm.  Und ganz klein stand dabei: Josef Müller-Brockmann. Das war er also, ein Inbegriff der Schweizer Grafik und die sollte mein Leben und Arbeiten dann doch sehr beeinflussen.

 

In dieser Zeit war Müller-Brockmann längst berühmt. Sein grundsätzliches Buch »Gestaltungsprobleme des Grafikers« war 1961 bei Niggli erschienen. Die Zeitschrift »Neue Grafik«, bei der er Mitherausgeber war, gab es schon seit September 1958. Doch besonders bekannt und geschätzt war er vor allem durch seine Plakate für die Tonhalle-Gesellschaft Zürich.

 

Josef Müller-Brockmann lebte von 1914 bis 1996 und blieb bis zum Schluss wohl sehr aktiv. Ein Jahr vor seinem Tod interviewte ihn Yvonne Schwemer-Scheddin für die Zeitschrift »Eye« (Nr. 19, Winter 1995). Der auch heute noch sehr lesenswerte Text ist im Internet zu finden (http://www.eyemagazine.com/feature/article/reputations-josef-muller-brockmann).

Was war das besonders faszinierende an Müller-Brockmann? Er plädierte schon sehr früh für eine umfassende Ausbildung des Grafikers, der sowohl alle Gestaltungsdisziplinen aber auch die technische Umsetzung beherrschen sollte. Die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Aufgaben verlangten auch in der Werbung einen Universalisten.

M-B entwickelte seine Arbeit und seinen Anspruch sehr rasch weg von einer illustrativen zu einer sachlichen Grafik. »Je straffer die Komposition der Bildelemente auf der zur Verfügung stehenden Fläche durchgeführt ist, desto wirksamer kann der thematische Gedanke formuliert werden«, schreibt er in den »Gestaltungsproblemen des Grafikers«. Ich sah das als Aufforderung für mein beginnendes Studium in Berlin.  Von der Typografie in der Werbung, die Anfang der 60er Jahre noch weitgehend belanglos aussah, verlangte er Klarheit. So schieb er die schon berühmt gewordenen Postulate:

»An die Stelle der willkürlichen, zufälligen und individuellen Zusammenstellung der typografischen Elemente tritt die sachliche, objektive, den typografischen Gesetzmäßigkeiten entsprechende Gestaltung.

Erstes Gebot ist die ungeschmückte, rein der Mitteilung dienende typografische Form«. 

Und das wird dann für die Typografie, die Schrift, für Illustration und Foto, Farbe und Text erläutert. Wichtig ist ihm die Einheitlichkeit in der Gestaltung, wobei er immer wieder die Verantwortung des Gestalters für seine Arbeit anspricht. Als besonders wichtiges Hilfsmittel für den Gestalter bezeichnete er ein Rastersystem, welches bereits von zahlreichen vor allem Schweizer Grafikern verwendet wurde.

Für mich bedeutete es eine der beiden wichtigsten Anregung an meine 1964 vorgelegte Abschlussarbeit »LeCorbusiers Modulor als Werkzeug zur Proportionsbestimmung bei der Gestaltung von Drucksachen« (die andere Anregung war die Beschäftigung mit Gebäuden LeCorbusiers und seinem Modulor-System).

Besonders nachhaltig dürfte deshalb das 1981 erschienene Buch »Raster systeme« auf  die grafische Szene, die sich allsbald Kommunikationsdesign nannte, gewirkt haben oder heute noch immer wirken. Es ist das Basiswerk für eine Ordnung auf der Seite, beziehungsweise auf den meistens zahlreichen Seiten eines Druckobjektes. Wobei der Raster Hilfe in der Gestaltung leistet, nicht die Gestaltung selbst ist oder sein kann. Natürlich muss auch die Arbeit mit Rastern erlernt und geübt werden. Einen Raster irgendwie benutzen und »dann pappen wir die Typo rein«, wie ich in der Vor-Computer-Zeit manchmal hörte, nützt nicht die überwätigende Chance eines Rasters.

1986 erschien M-Bs kulturgeschichtlich einzigartiges Buch »Geschichte der visuellen Kommunikation«, ein Bildbuch mit knappen Texten zu den einzelnen Kapiteln, das sogleich Standard für bewusste Gestalter wurde. Und auch damit wird die Denkweite und große Erfahrung Müller-Brockmanns offensichtlich.

 

In einer großen und repräsentativen Ausstellung wurde 1996 im Haus für konstruktive und konkrete Kunst in  Zürich das Gesamtwerk Müller-Brockmanns gewürdigt. Müller-Brockmann, aber auch viele der großen Schweizer Grafiker des 20. Jahrhunderts haben Sichtweisen geprägt und Vorgehensweisen verändert. Was Funktion in der Gestaltung bedeutet wurde damit klar, wurde auch handwerkliche und geistige Basis vieler Gestalter. Nachdem heute längst die postmodernen Allüren des Allesgehtirgendwieschon überwunden sind, hat Klarheit wieder vermehrt Platz gefunden. Und auch heute schimmert bei vielen schönen neuen grafischen Bildern durch, was das bedeutet: Ordnung statt Chaos. Die Welt kanns eigentlich gebrauchen.

Lieferbare Bücher von Josef Müller Brockmann gibt es weiterhin bei

Niggli Verlag:

Josef Müller-Brockmann

Geschichte der visuellen Kommunikation

Gestaltungsprobleme des Gafikers

www.niggli.ch

 

Lars Müller:

Josef Müller-Brockmann

Ein Pionier der Schweizer Grafik

Mein Leben: Spielerischer Ernst und Ernsthaftes Spiel

Poster Collection 25
Josef Müller-Brockmann

Außerdem gibt es einen Reprint der Zeitschrift »Neue Grafik«

Aber auch im Antiquariat ist viel zu finden.

 

Kommentare

1

Ein schöner Artikel. Vielen Dank, dass Sie Ihre Gedanken darüber teilten.

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