Buchsucht

13. Juni 2019, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Jan Tschicholds Nachlass in Leipzig

Vor einigen Jahren besuchten kleine Gruppen von Typografen das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig und durften dabei in Tschicholds Nachlasskisten schauen. Sie kamen begeistert zurück und so war die Akzeptanz für die laufende Ausstellung »Jan Tschichold – ein Jahrhunderttypograf?» gut vorbereitet. Aber was heißt Akzeptanz; es gibt wohl keine Typografinnen und Typografen, die sich nicht mit Tschichold beschäftigt haben. Wir sehen in Tschichold den zunächst eher radikalen Gestalter, dann die Wende und er wirkt als Vorbild für klassische Buchtypografie.

 

Und Tschichold, der Schwierige. Sehr früh las ich genau beschreibende Aufsätze von ihm, stieß auf das Sonderheft »elementare typografie» der Typografischen Mitteilungen von 1928 und konnte zunächst zwischen den beiden Polen keine Verbindung herstellen. In meiner Abschlußarbeit (Berlin 1964) befasste ich mich kritisch mit Tschichold, wollte das auch veröffentlichen. Heinz Sarkowski im Insel Verlag warnte mich davor, mich mit Tschichold anzulegen, wenn ich in dieser Branche weiter arbeiten wolle. Da verschob ich den Konflikt und der wurde mit den Jahren immer relativer. Über Tschichold hörte ich dann persönlich von Philipp Luidl und Günter Gerhard Lange. Und da war ich längst selbst in zwei Stilen zuhause; der Moderne, eher der Schweizer Typografie nahe und dazu im Gegensatz der traditionellen , jedoch zeitgemäßen Buchtypografie. Tschicholds Einfluss auf meine Arbeit ist also vorhanden.

Mit diesem Gefühl besuchte ich die sehr schön gestaltete Ausstellung in Leipzig (bis 6. September 2019). Aber besprechen möchte ich das hierzu erschienene umfangreiche Begleitbuch.

Das Buch beginnt mit vorgeschalteten 17 ganzseitigen Abbildungen. Das macht man zwar heute oft so, aber in diesem Fall führt es sehr schön in die Sammlung von Beispielen ein. Gleich mehrere sehr informative Aufsätze folgen. Christopher Burke betrachtet die Sammlung aus der Sicht des englischen Buchmarktes, kommt aber gleich auf Tschicholds Dualismus zu sprechen. Erwähnung findet fast überall Tschicholds PR-Vorbereitung über sich selbst. Patrick Rößler betrachtet Tschicholds Stationen in seinen Schriften. Denn Tschichold gilt als technischer Geschichtsforscher, Typophiler, Kunsthistoriker, Soziologe. Und das zeigt sich in allen seiner Veröffentlichungen. Stephanie Jacobs sieht in Tschicholds Nachlass einen typografischen Zickzack.

Tschichold, den Erneuerer und Avantgardisten sollte man nicht ohne seine Vorbilder sehen, Und die Phase der »Neuen Typografie» umfasst nur einen kleinen Teil seines gesamten Schaffens. Schließlich hat er sich mehrheitlich um präzise und eher traditionelle Typografie gekümmert. Sowohl bei der Buchgestaltung, wobei seine Bedeutung hierfür sehr groß ist, aber auch für alle anderen Drucksachen, deren Bedeutung längst nachgelassen hat (obwohl sie sehr perfekt sind).

Stephanie Jacobs beschreibt die typografische Zickzack Bewegung Tschicholds. Man wird ja auch nie vergessen, welche Jahrhundertwirkung Tschicholds Publikation »elementare typografie« hatte oder immer noch hat. Doch nimmt diese Epoche einen vergleichbaren kleinen Teil in Tschicholds gesamtem Schaffen ein. Jacobs weist darauf hin, dass sowohl dieses Buch als auch die Ausstellung Tschicholds gesamtem Werk gilt. Und das wird aus den 176 Kisten des Nachlasses aus den Jahren 1917 bis 1974 reichlich dargestellt. Und das sind »Entwürfe, Skizzenbücher, Collagen, Klebemaquetten, Typoskripte, annotierte Korrekturbogen, Buchumschläge, Geschäftskorrespondenz, Zeitungsausschnitte und Werbematerialien; aber auch Klischees, Glasplattennegative und von Tschichold gestaltete Verpackungsmuster«. »… gegen die Vereinahmung durch das Bauhaus in dessen 100. Jubiläumsjahr werden (…) die Wege, Seitenwege und Holzwege Jan Tschicholds (…) in den Kontext eines langen Typografenlebens gestellt, das in einem explosiven Moment das Bauhaus befeuert hat, dann aber in überraschend andere Richtung weist« (Stephanie Jacobs).

Die Texte von Patrick Rößler zu den abgebildeten Exponaten sind sehr informierend und gut geschrieben und eigentlich sind es oft kleine Kommentare. So ergeben sich hieraus viele zusätzliche Informationen, mit denen man die Arbeiten Tschicholds noch besser versteht oder auch einordnen kann.

Zur Gestaltung des Buches: Das Format 200 x 250 mm, eine klare Proportion 1 : 1,25. Unter Tschicholds willkürfreien Maßverhältnissen findet man diese Proportion jedoch nicht. Schriftwahl ganz wunderbar: Zwei Schriften des Meisters, Sabon und Gill Sans, die Tschichold für Uher Type gezeichnet hatte[1] . Präzise Reproduktion, wobei der Druck zunächst auf dem leider zu weißen Papier, (jedoch sehr angenehme Haptik, Amber Preprint) sehr sanft wirkt, was ich trotzdem für den Materialien- und Skizzencharakter der Exponate schön empfinde. Leicht gelbliches Papier wäre perfekt gewesen. Die Seitengestaltung: Die Exponate stehen großzügig immer auf der rechten Buchseite. Die Kommentartexte auf der linken Seite stehen von unten kommend im Blocksatz, was leider für ziemliche Härte im Eindruck sorgt. Der graue Kopfbalken scheint mir zu mächtig zu sein, macht sich viel zu wichtig (was hätte der Meister dazu gesagt?). In den Fußnoten ist der Abstand zwischen Notenziffer und Textbeginn zu groß, der Leser fällt in Löcher. Man begreift nicht, wie der ambitionierte Wallstein Verlag nicht einen mit der Erfahrung der Buchgestaltung vertrauten Gestalter eingesetzt hat. Wobei es dann doch nicht so schlimm kam wie in dem inhaltlich ebenfalls wunderbaren Buch, auch aus dem Wallstein Verlag, »Neue Typografien«, in der die Gestaltung völlig hilflos mit dem großartigen Inhalt umging (inhaltliche Besprechung im Blog vom 15. Januar 2019 von Gerd Fleischmann).

Jan Tschichold – ein Jahrhunderttypograf?

Blicke in den Nachlass

Herausgegeben von Stephanie Jacobs und Patrick Rößler

384 Seiten

Klappenbroschur

Wallstein Verlag, Göttingen 2019

ISBN 978-3-8353-3470-0

 [1]

 

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