Buchsucht

14. Juli 2013, 1 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Jahrbuch über neue Schriften

Manche kennen das unbehagliche Gefühl. Viele neue Schriften entstehen, weil die Werkzeuge fassbarer geworden sind. Und da gibt es so allerhand. Vieles was man nie braucht, doch auch immer wieder sehr originelle Display-Schriften oder sogar richtig gut lesbare und ausdrucksstarke Fonts. Und immer war ich mir nicht sicher, ob ich auch alle wichtigen Schriften im Netz gefunden habe.

Das führte auch im Seminar »Typografie intensiv« zu zwei Studien, wobei es in der ersten um wichtige neue serifenlose Schriften der letzten 20 Jahre ging (Manuel Kreuzer: 20+1) und momentan entsteht eine Studie über eine Auswahl an neueren Serifenschriften.

Doch jetzt wird die Szene übersichtlich, ein Buch über neue Schriften der letzten drei Jahre ist erschienen. Das enthält 298 Schriften aus vielen Ländern in den Gruppierungen:
Sans Serif 114 Schriften,
Serif 74 Schriften,
Slab Serif 18 Schriften,
Script 14  Schriften,
Display  59 Schriften,
sowie einige Schriften aus kleineren Gruppen.

Übersichtlich gestaltet jeweils als Doppelseite: Rechts die Beschreibung und wichtige Angaben, links eine gestaltete Seite (Visual!) aus der jeweiligen Schrift. Alles ist alphabetisch geordnet, was allerdings nur sinnvoll ist, wenn man den Namen der Schrift schon weiß. Aber immerhin gibt es ein nach Gruppen sortiertes Register, indem auch wichtige Figuren zum Vergleich bereit stehen. Alles in allem für die Schriftwahl ein gutes und sehr brauchbares Werkzeug.

Besucher der tgm-Vorträge dürften einige der vorgestellten Schriften bereits aus den ersten 15 Minuten der Vortragsveranstaltung kennen, in der jeweils ein Schriftgestalter seine neueste Schrift vorstellt.

Yearbook of Type #1
Herausgeber: Slanted
Gestaltungskonzept und Umsetzung: MAGMA Brand Design
Umfang: 464 Seiten
Niggli Verlag, Sulgen 2013
ISBN: 978-3-7212-0861-0
Preis: 49,80 Euro

http://www.slanted.de/shop/yearbook-type-i

 

Kommentare

1

Ich bin ganz verrückt nach solchen Aufstellungen und kann es immer kaum erwarten, wenn am Anfang eines Jahres Ivo Gabrowitsch, Christoph KoeberlinMyFonts, FontShop und noch weitere ihre Listen mit den Best-of-Schriften des vergangenen Jahres veröffentlichen. Jetzt gibt es also auch von Slanted ein „Best of“ und das sogar in gedruckter Form. Sehr sinnvoll, wenn man die Schriften später vermutlich ebenfalls für Druckstücke verwendet.

Vorweg: Ich bin vielleicht nicht ganz unvoreingenommen, weil ich als Berater und Gestalter bei den drei Einträgen der „German Type Foundry“ beteiligt war (kurze Werbeunterbrechung: Auf diesen drei Seiten sind QR-Codes versteckt, über die man kostenlose, nicht-beschnittene Testfonts laden kann!).

Umso gespannter war ich aber, als ich mein Musterexemplar des Buches endlich auspacken konnte. Nun machen die Jungs von Slanted gestalterisch viele Sachen die ich visuell oft als erfrischend empfinde. Bei diesem Nachschlagewerk (?) kann man aber noch etwas optimieren.

Zum einem den Druck: Ich bin kein großer Freund von ungeschützter Pappe als Buchumschlag. Diese schaut nämlich nur so lange gut aus, so lange man das Buch nicht benutzt. Das Druckraster dürfte sehr gerne etwas feiner sein. Bei allen Schriftbeispielen, in denen Graustufen verwendet werden, bei den Abbildungen hinten im redaktionellem Teil und den Portraits der Schriftkünstler wirkt dieses schon recht grob. Diese Portraits könnten sowieso gerne wesentlich größer ausfallen, man erkennt ja fast nichts.

Mein zweiter Kritikpunkt: Das Werk hätte ruhig etwas übersichtlicher werden können. Wie oben im Artikel erwähnt, sind die Schriften alphabetisch sortiert. Einzige Hilfe ist eine 18-seitige Übersicht im Anhang, in der die Schriften nach Stilen unterteilt sind. Das macht das Finden von geeigeten Schriften für eine bestimmte Aufgabe doch sehr anstrengend. Überhaupt ist mir auch nach mehrmaliger Beschäftigung nicht klar, nach welchen visuellen Kriterien die Schriften für diese Publikation überhaupt ausgewählt wurden. 
Warum bei den einzelnen Schriften der Schriftname, die wichtigste textliche Information einer Schrift überhaupt, gestürzt unten rechts steht, verstehe ich nicht – es hat etwas gedauert, bis ich ihn dort entdeckt habe. Dafür ist eine relativ dominante Pagina, ebenfalls gestürzt, prominent rechts oben platziert. Dass die jeweils linken, vermutlich häufig von den Schriftgestalter selbst gestaltete Seiten, lebhaft wirken (siehe Abbildungen oben), liegt in der Natur der Sache. Es hätte daher nicht geschadet wenn man es geschafft hätte, auf der jeweils rechte Seite noch mehr Ruhe auf die Doppelseite zu bringen.

Bevor ich mich jetzt aber über Details auslasse – wie z.B. den uneinheitlichen Textabsatz-Markierungen (mal Leerzeile, mal Einzug, im Schriftenteil gar nichts) – komme ich lieber zum Schluss. 

Denn ich möchte dieses Buchprojekt loben: Ähnliche Übersichten gibt es inzwischen schon viele, aber diese behandeln oft nur die (subjektiv) wichtigsten verfügbaren Schriften (also überwiegend ältere).
Das „Yearbook of Type I“ hat es dagegen geschafft, ausschließlich aktuelle bzw. neue Schriften der letzten vier Jahre (ein typografischer Wimpernschlag) vorzustellen und ist damit fast so aktuell, wie die von mir oben genannten Best-of-Listen. Ich konnte etliche hochwertige Schriften entdecken, die mir bis jetzt noch nicht bekannt waren.

Fazit: Daumen nach oben. Und ich bin schon wieder sehr gespannt auf „Yearbook of Type II“!

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