Buchsucht

13. Juni 2014, 0 Kommentare
Oliver Linke

Hanzi Graphy

Der Titel sagt es schon: Die Autorin unternimmt den Versuch, die Lateinischen Buchstaben und die Chinesischen Schriftzeichen zu vergleichen. Auf den ersten Blick mag das geradezu waghalsig klingen. Doch hat man sich erst einmal eingelesen, wird vieles klarer.


Natürlich ist der Vergleich ein Wagnis. Ich will auch meine anfängliche Skepsis gegenüber diesem Vorhaben nicht verhehlen. Die Wesensunterschiede dieser beiden doch so verschiedenen Schriftsysteme liegen auf der Hand. Nun sind meine Einblicke in das Chinesische aber sehr beschränkt und ich riskierte die Reise mit der Autorin, die ihre Wurzeln gleichsam in der deutschen und japanischen Kultur findet.



Takagi beginnt zunächst damit, die Grundprinzipien des Chinesischen Schriftsystem zu erläutern. Und schnell wird klar: Der Vergleich zum Latainischen wird nur an manchen Stellen gesucht, nur da, wo er auch sinnvoll ist und hilft, Prinzipien verständlicher oder einprägsamer zu machen. Und da schadet es auch gar nicht, wenn der Vergleich vielleicht an manchen Stellen etwas bemüht anmutet. Immer hilft die Gegenüberstellung letztlich doch dem besseren Verständnis. Schnell wird klar, die Reise lohn sich.



Das zweite große Kapitel geht ins Detail: Die Anatomie der Zeichen wurde noch nie in dieser Parallelität dargestellt. Schnell wird klar: da gibt es doch jede Menge zu vergleichen, und in vielen Kriterien sind die beiden Systeme sich geradezu ähnlich. Takagi entwickelt eine neue Begriffsspache für Zeichenteile, klassifiziert Formgruppen, beschäftigt sich mit Binnenräumen und äußerer Gestalt. Schießlich beschreibt sie jede einzelne Strichform mit ihren Varianten. Allein diese Formenbibliothek mit den zugehörigen Kommentaren ist für alle Schriftgestalter Gold wert.



Das dritte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit ganzen Familien und der Klassifikation von Schriften. Tatsächlich gelingt es ihr, die »Kupferschmid-Matrix« so zu erweitern, dass sie sowohl für das Lateinische als auch für das Chinesische funktioniert.
Das Buch schließt mit Impressionen einer aufwändigen Ausstellung (2013), die das Hanzi Graphy Projekt darstellt und offenbar zum Ausgangspunkt für das Buch wurde.

Im Vorwort schreibt die Autorin »I want to demystify Chinese characters«. Bei mir hat sie ihr Ziel erreicht.


Mariko Takagi: Hanzi Graphy. A typographic translation between Latin letters and Chinese characters.
224 Seiten
Format 16 x 22 cm
MCCM Creations, Hong Kong, 2014
ISBN 978-988-15218-6-6
35,– EUR
In Deutschland erhältlich über form + zweck

Fotos: Mariko Takagi

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