Buchsucht

19. April 2017, 1 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Goldener Mythos oder Goldene Metapher?

Bereits 1984 hatte Hans Rudolf Bosshard in seinem Rechenbuch für das Graphische Gewerbe 24 systematische Rechtecke und deren Proportionen vorgestellt. Der Goldene Schnitt ist eine davon, wenn auch die bekannteste. Damit beschäftigt sich eine Ausstellung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation und es gibt dazu einen Essayband. Der Goldene Schnitt wird zwar häufig genannt, aber wird er auch bewußt angewandt und ist er historisch gesehen plausibel?

25 Essays, meistens sehr knapp, behandeln im vorliegenden Band dieses Thema. Es wurde seit dem 19. Jahrhundert häufig bearbeitet. 1876 hatte Gustav Theodor Fechner nach einer Befragung die beliebtesten Rechteckproportionen vorgestellt. Neben dem Goldenen Schnitt mit 1 : 1,618 waren das die Proportionen 1 : 1,5 und 1 : 1 : 1,414, die spätere Proportion des DIN-Formates. Der Goldene Schnitt stand also nicht einzigartig da. Das Buch räumt auch zum Teil mit der Überbewertung des Goldenen Schnittes auf. Holger Höge kommt in seinem Beitrag nach eigenen Befragungen sogar zur beliebtesten Proportion sogar auf das Quadrat!

 

Historisch gesehen wurde die Proportion des Goldenen Schnittes (ursprünglich als göttliche Proportion) erst im 19. Jahrhundert richtig populär. Bekannt war sie längst (Euklid, Pacioli, Vitruv, da Vinci, Dürer). In der Kunstgeschichte finden sich viele Beispiele, in denen allerdings erst nachträglich eine Proportions-Stimmigkeit eingefügt wurde. Deshalb wird auch von einer Mystifizierung des Goldenen Schnittes gesprochen. Adolf Zeising hatte den Goldenen Schnitt gar als ästhetische Weltformel bezeichnet. Heute wIrd diese Proportion oder die Aussage darüber als »Botschaft« benutzt. Produkte werden damit oft protzig angekündigt. Um den Goldenen Schnitt wird auch viel andächtig geraunt. Doch ist er, wie einige andere Proportionen, als Analyse- und Arbeitswerkzeug sehr wohl und gut zu gebrauchen, wenn man ihn auch richtig benutzt.

 

Das Buch holt mitunter weit aus. Die Geschichte des DIN-Formates hat beispielsweise wenig mit dem Goldenen Schnitt zu tun, ist fast ein wenig »Konkurrenz« dazu. Paletten- und Containerproportionen bewegen sich in einem anderen Feld; 1 : 1,5 und 1 : 2,48 bei Containern. Und manches, was dem Goldenen Schnitt zugerechnet wird, ist nur so ähnlich in der Proportion.

 

Ein System, das schlüssig auf den Goldenen Schnitt aufbaut und auch verwendet werden kann, ist der Modulor von LeCorbusier. LeCorbusier hatte damit seit 1946 sämtliche seiner umfangreichen Bauten geplant und durchgeführt. 1963 hatte ich das System auf die damals noch im grafischen Bereich übliche Maßeinheit Punkt und Cicero umgerechnet und mit der Hilfe des Modulors begonnen, grafische Arbeiten zu gestalten.

 

 

Erik Spiekermann schreibt in seinem Beitrag »Goldener Thesenanschlag«, warum er den Goldenen Schnitt zum Gestalten benutzt. Das geht aber nicht weiter als die Aussage, dass es ihm Spaß macht mit den Zahlen zu laborieren. Wolfgang Beinert reißt das Thema »Raster und Regeln« an, kommt dabei sehr schnell auf die Fibonacci- Zahlen zu sprechen (die erst an 13. Stelle mit dem Goldenen Schnitt näher übereinstimmen). Was zur Kaninchenpopulation richtig war ist es vielleicht für die Gestaltung auf der Fläche nicht. Dabei wird über Fibonacci noch mehr geraunt als über den Goldenen Schnitt. Zahlreiche Corporate Designs behaupten, daß sie mit Fibonacci gestaltet wären. Beinert widerspricht zu Recht dem Mythos, daß Schriften im Goldenen Schnitt gestaltet wären.

 

In der Buchgestaltung steht die Proportion 1: 1,5 sogar traditionell über dem Goldenen Schnitt. Darauf hatte bereits 1961 Roul M. Rosarivo hingewiesen. Was jedoch bezeugt, dass es mehrere Prportionssysteme gibt, die gut funktionieren.

 

 

Im sehr schön gestalteten Buch (einzige Einschränkung ist die Lesbarkeit auf rotem Fond der Werkstattberichte) steht auf der letzten Seite, das alle Abstände und Vorgaben auf der Proportion 1: 1,618 basieren. Nur stimmt das nicht. Das Buchformat 178 x 230 mm hat die Proportion 1 : 1,295, der Satzspiegel mit 95 x 200 mm 1 : 2,105. Auch einen Proportionsbezug in den Abständen kann ich nicht finden. Ein Beispiel, wie mit dem Goldenen Schnitt umgegangen wird?

 

Oliver Götze, Lieselotte Kugler (Hrg.)

Göttlich Golden Genial

Weltformel Goldener Schnitt

224 Seiten

115 Abbildungen

178 x 230 mm

Ganzpappband

ISBN: 978-3-7774-2689-1

29,90 Euro

Kommentare

1

Hallo Rudolf, vielen Dank für deinen Kommentar!

Ein Buch zum den Goldenen Schnitt zu schreiben und dann selbiges nicht in diesen Proportionen anzulegen – auf diese Idee muss man erst mal kommen! 

Ich werde mir das Buch aber vermutlich dennoch zulegen, schon alleine weil mich interessiert, was die Autoren zu sagen haben.

Ich persönlich verwende den Goldenen Schnitt im Grafikdesign immer dann mit Absicht, wenn ich verschiedene Proportionen ausprobiere. Noch häufiger wird er mir beim Fotografieren bewusst (wobei es hier teilweise auch einfach »nur« die Drittel-Regel ist).
Problematisch wird der Goldene Schnitt immer dann, wenn man sich blind auf diesen verlässt. Denn eines ist er sicher nicht: ein »Garant« für gute Gestaltung. Wäre Gestaltung so einfach, wäre es aber auch langweilig.

Wenn sich jemand noch tiefer mit dem Thema Goldener Schnitt auseinander setzen möchte, empfehle ich »Golden Meaning: Fifty-five graphic experiments«, »Proportion und Komposition. Geometrie im Design« und natürlich »Divina Proportio Typographica. Das Buch vom Goldenen typographischen Modul«.

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