Buchsucht

24. März 2019, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Die Unger-Fraktur, ein erloschener Standard

Als es noch zwei Schriftsysteme im Satz gab waren beide Systeme, die Gebrochenen Schriften und die Antiquaformen, gleichberechtigt. Dementsprechend kümmerten sich Schriftgestalter, Stempelschneider, Schriftsetzer, aber auch Verleger um eine gute Lesbarkeit der Textschriften. Im 19. Jahrhundert bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts waren gebrochene Schriften ebenso wie die Antiqua Standards für die Schriftwahl von Büchern. Dazu gehörte auch die Unger-Fraktur. Sie war erfolgreich, gut lesbar und deswegen als Werkschrift oft benutzt. 

Darüber berichtet Christopher Busch in seinem Buch »Unger-Fraktur und literarische Form«. Allerdings bezieht sich die Schilderung der Verwendung auf wenige, wenn auch wichtige Bücher. Und dazu gehören in der späteren Zeit die Autoren Stefan George, Walter Benjamin, Thomas Mann, Hermann Hesse (dabei ging es vor allem um das »Tractat zum Steppenwolf«). Nur darf man nicht vergessen, dass hierfür fördernd Drucker und Verleger standen wie Ernst Poeschel oder Samuel Fischer. Die Anwendung der Unger-Fraktur war wahrscheinlich vielfältig und nicht nur in der hohen Literatur üblich. Man bedenke, dass selbst Hitlers »Mein Kampf« aus der Unger-Fraktur gesetzt wurde ...

Die Höhe der qualitativen Einschätzung der Unger-Fraktur ist aber auch durch F. H. Weiß bestätigt, der seine neue Weiß-Fraktur speziell Johann Friedrich Unger widmete. Über die Entstehung der Unger Fraktur wissen Typografen wahrscheinlich schon etwas. Albert Kapr schreibt darüber in seinem Buch »Fraktur« und lobt die Schrift. Mehr hat man in der vielzitierten Dissertation von Susanne Wehde bereits 2000 erfahren. Und Sympathie, auch gegen das landläufige Vorurteil gegenüber gebrochenen Schriften versuchte Judith Schalanski zu erreichen.

Im vorliegenden Band geht es um die Entstehung der Unger-Fraktur. Jedoch nicht nur um die grafische Gestaltung oder der„buchmedialen Visualität“, sondern vor allem um eine damit verknüpfte literatur- und editionswissenschaftliche Sicht. Die Beweggründe für die damals tatsächlich revolutionäre Schrift kamen aus Überlegungen zur Lesbarkeit. 1793 verkündete Johann Friedrich Unger, dass es ihm gelungen sei, eine neue Schrift zu präsentieren, die nicht so eckig und gotisch gegenüber der herkömmlichen Fraktur und Schwabacher sei. Die Figuren waren klarer und lichter geworden. Zuvor hatte Unger versucht mit Didot für eine neue Schrift zusammen zu arbeiten, was aber scheiterte. Didots Fraktur-Entwurf war Unger immer noch zu schwer.

Geschickt bewarb Unger seine neue Schrift, indem die Schrift beispielsweise in einem neuen Roman von Karl Philipp Moritz »Die neue Cecilia« verwendet wurde. Und man darf nicht vergessen, dass zur gleichen Zeit eine ziemliche Auseinandersetzung stattfand, ob eine Gebrochene oder eine Antiquaform in Büchern verwendet werden soll. Friedrich Justin Bertuch lobte die Antiqua. Immanuel Breitkopf war ganz gegen Ungers Schrift, wobei auch persönliche Querelen eine Rolle gespielt haben dürften. 

Ausführlich wird in diesem Buch das verlegerische und editorische Umfeld von Unger und Moritz behandelt. Dabei ist eine Geschmacksbildung in der sich bildenden literarischen Öffentlichkeit dieser Zeit präsent. Und überhaupt erfährt man sehr viel aus den Szenen von Verlagen, Autoren, Herausgebern und Wissenschaft um 1800. Die ist recht vielfältig und auch für Typografen spannend. Bei diesem Buch handelt es sich um eine Dissertation. Leider ist die Sprache dementsprechend formuliert und erscheint fast verklausuliert, was dem Lesefluss nicht förderlich ist. Trotzdem lohnt sich die Mühe.

Wenn so viel über Schrift und Schriftwahl geschrieben wird, fragt man sich, ob das für dieses Buch denn auch stattgefunden hat. Jedenfalls ist die verwendete Garamond als Textschrift (generell eine sehr schöne Schrift) kaum dem in diesem Buch besprochenen Problemkreis zuzuordnen. Und warum es für die Überschriften einer Schriftmischung bedarf, ist schwer einzusehen, obwohl das schon längere Zeit modisch ist. Doch entspricht die typografische Einrichtung des Buches einem besseren wissenschaftlichen Standard und nicht den universitären typografischen Dissertations-Grausamkeiten. 

Christopher Buch

Unger-Fraktur und literarische Form

Studien zur buchmedialen Visualität der deutschen Literatur vom späten 18. bis ins 21. Jahrhundert

402 Seiten

Wallstein Verlag, Göttingen 2019

ISBN 978-3-8353-3404-5

44,90 Euro

 

Für weiter an gebrochenen Schriften interessierte siehe auch:

Susanne Wehde

Typographische Kultur

Tübingen 2000

 

Albert Kapr

Fraktur

(Mit Beiträgen von Hans Peter Willberg und Friedrich Forssman)

Mainz 1993

 

Judith Schalansky

Fraktur mon Amour

Mainz 2006

 

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