Nachtkritik

29. Juli 2012, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Designer der Zukunft. Eine These von Michael Hardt

Vorprogramm Schrift: Moritz Essers Slab-Schrift »Nautinger« war eine Abschlussarbeit 2009. In seiner Vorgehensweise zum Entwurf erwähnte Esser die Ziehfeder als Geschichte im Schriftschreiben. Er zeichnete, übertrug die Zeichnungen in Illustrator, scannt ein und erst dann wird digital gearbeitet. Er betont sorgfältiges Kerning, in seiner gekippten Serifenbetonten gibt es schöne Bogeneinläufe und als Textschrift ist sie gut lesbar. Sollte man doch mal probieren.

Michael Hardt beginnt seinen Vortrag mit einem schönen Papaneck-Zitat: »Es gibt Berufe die schädlicher sind als Industrial Design, aber nur sehr wenige. Nur ein Beruf ist möglicherweise noch verlogener. Das vielleicht verlogenste Feld das es heute gibt ist Werbedesign: Indem es Leute dazu verführt sich mit Geld, das sie nicht haben, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um andere zu beeindrucken, denen dies egal ist«.

Worum geht es im Design? Die Themen Bevölkerungszuwachs, Ressourcen, Klimawandel,  Resourcen senken, Verbrauch und Lebensqualität stehen da im Vordergrund. Intelligentere Designer wären gefragt und Hardt sieht einen ganz anderen Designer als den zentralen Beruf des 21. Jahrhunderts. Das heutige Designverständnis  heize den sinnlosen Massenverbrauch mit an.  Und alles wird geplant kaputt gemacht durch künstliche Lebenszeitverkürzung der Produkte. Die Scheußlichkeit ist geplant und

Designer gestalten den schönsten Müll der Welt. Und Marketing ist ohnehin ethisch blind. Dabei müsste und muß Design Teil der Lösung sein; nicht  Verschönerung, sondern Prozeß.

Design ist Navigation  und das sieht Hardt als wörtlich zu nehmen. Wo man steht, wo man herkommt, wo hin man will, wie man dort hin kommt, wann man dort sein wird oder was einem davon abhalten könnte.

Er beschreibt die Trendwende der 70er Jahre und prognostiziert einen Trendwechsel heute. Kondratschew grüßt da freundlich. Aber einen Beweis für diese Trendwende, die vor allem den Designer betreffen soll, kann Hardt nicht beibringen. Doch klingt sein Plan Ge-brauchen statt Ver-brauchen plausibel. Die Nachhaltigkeit soll die Verschwendung ersetzen. Und das künstlich Geschaffene soll sich am natürlich Geschaffenen orientieren.

Eine ideale Vorstellung von Hardt sagt, dass der Designer in Zukunft Dinge entwirft, die der ehemalige Kunde, jetzt sozusagen der Designnehmer annimmt. Der Designer weiß dann was, wo und wie gebraucht wird.

 

Bild Seite 48 Vortrag Hardt

Nachspiel: Michael Hardt hielt am nächsten Tag ein Seminar für die tgm zu diesem Thema. Ich kann darüber nicht berichten. Aber ein paar Wochen später war ich zu einer Besprechung der Gestalter bei Kochan & Partner eingeladen, in dem sowohl der Vortrag als auch das Seminar sehr eindrücklich wiedergegeben wurde. Die Diskussion verlief  –  wie schon nach dem tgm-Vortrag – äußerst konträr. Die neue Rolle des Designers konnte sich in der Praxis kaum einer der Designer oder eine der Designerinnen vorstellen.

 

 

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