Buchsucht

6. Februar 2014, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Das Graue

Aus einem vierteiligen Ausstellungsprojekt im »Mies van der Rohe Haus« Berlin entstand ein spannendes Graubuch, besser ein Buch über die Farbe Grau. Und es erstaunt, was Grau alles vermag.


Die in der Ausstellung gezeigten künstlerischen Bilder sind im Buch abgebildet und – was das Verständnis fördert – beschrieben. Grau in sehr feinen Nuancen hat ja bei manchen Designern einen hohen Stellenwert. Mir fällt da sofort das Ulmer Grau ein, wie es Otl Aicher verwendet hatte.
Die Ausstellungszyklen waren unterteilt in Hauptsache Grau, Lebendiges Grau, Farbiges Grau und Konstruiertes Grau.
Grau, das manche als Nichtfarbe verwechseln, kann etwas total indifferentes oder etwas ohne Wirkung ergeben, schreibt Michael Fehr in seinem Textbeitrag »Lebendiges Grau«. Grau hat keine Gegenfarbe, ist beispielsweise bei Philipp Otto Runge der Mittelpunkt seines Farbkosmos. Der Zyklus »lebendiges Grau« enthält vor allem Werke bildender Künstler, die sich mit dem puren Grau beschäftigt hatten. Und so finden sich graue Bilder in allen denkbaren Abstufungen und Nuancen.

Andrzej Gieraga: Dwa Kwadraty B, 2003.

Über das »farbige Grau« schreibt Matthias Bleyl, dass es recht interessant ist, wenn man beobachtet, wie Grau mit einem Buntanteil in ein Buntes Grau umschlägt. Gestalter mögen sich an eigene Versuche erinnern, wenn Grau zu farbig wurde. Josef Albers behauptete immer, dass er nicht Farben sondern Farbbezüge male und bestäigte damit Theo van Doesburg in seiner Aussage »… die Farbe bestimmt sich durch den Gegensatz zu einer anderen Farbe«.

Helmut Dirnaichner: Sedimente. 1986/96

Die konzeptionelle Idee, die hinter dem künstlerischen Werk steht, sieht Wita Noack in ihrem Beitrag zum konstruierten Grau. Das beste Grau sei Grau, das in naturnahen Prozessen enstanden sei, sagt der berühmte japanische Teemeister Sen no Rikyu im 16. Jahrhundert. Und das Grau des Schattens bekommt Bedeutung. Aspekte, die für die Wahrnehmung von Arbeiten vieler Konzeptkünstler wuchtig sind.

In weiteren Beiträgen beschreibt Nicola von Albrecht Hirches Grau-Koffer, der vor zwei Jahren auch in der Ausstellung im Berliner Werkbundarchiv zu sehen war, wo es um das Lebenswerk des für das moderne Design wichtigen Herbert Hirche ging (Fersehgerät HF 1 von Braun mit grauer Frontplatte), während die Werkbundgründer dem Grau eher skeptisch gegenüber standen.

Sprachhistorische Anmerkungen leistet Harald Bichlmeier. Und das reicht von der Herkunft des Begriffs grau bis in verschiedene Sprachen der Welt und beobachtet ausgiebig was es mit dem Familiennamen Grau auf sich hat.

Besonders spannend  ist der Beitrag von Axel Buether über die Wirkung der Farbe Grau auf unser Erleben und Verhalten. Farbwirkungen gehen zu 99 % auf implizites Wissen zurück, die nicht ins vordere Bewußtsein dringen. Wir spüren Farben daher mehr als dass wir die damit zusammenhängenden Wirkungszusammenhänge verstehen. Jeder Farbton enthält im Kopf des Betrachters eine Welt assoziativer Erinnerungen. Die heutige Farbwelt ist von Menschen gemacht, dagegen haben  die Farben des Naturraums für die Menschen an Bedeutung verloren.
Die Gedächtnislandkarte der Farbe Grau mit ihren assoziativen Wirkungsfeldern ging aus einer Untersuchung von 500 Teilnehmern hervor, die Buether nach umfangreichen wissenschaftlichen Maßstäben vornahm. Hier ging es vor allem um die Wirkungen, die die Probanten mit sich selbst erforschen mussten. Zahlreiche Mappings zur Farbe Grau im Natur- und Kulturraum entstanden.

Neben vielen weiteren lesenswerten Beiträgen möchte ich noch den von Bendict Tonon erwähnen, der sich im Fall des Graus mit der Stofflichkeit des Bauens beschäftigt. Das Grau der Moderne ist in LeCorbisiers Kloster »La Tourette« zu erleben, wobei eine »werkimanente Ordnung« sichtbar wird. Die plastische Formkraft wird anhand Gaudis Casa Mila untersucht. Und Grau ist sehr oft ein wichtiger Aspekt auch der späteren Moderne (was positiv gemeint ist).

Die Abbildungen des Buches sind gut reproduziert und gedruckt, das Layout ist angenehm schlicht, die Papiersorten sind passend und dem Zweck entsprechend gut. Doch in der Typografie stört Einiges das Lesen. Grau ist für das Satzbild wohl zu wörtlich genommen worden. Die magere konstruktivistische Schrift wirkt etwas zu klein, mit ihrem kleinen Schriftbild hätte sie etwas mehr Laufweite gebraucht und Blindzeilen statt Absätze mit Einzügen erinnern mehr an kurze Prospekttexte.

Matthias Bleyl, Michael Fehr, Wita Noack:
Hauptsache Grau
320 Seiten
mit zahlreichen Abbildungen
165 x 235 mm
Verlag Form und Zweck, Berlin 2014
ISBN 978-3-935053-75-4
39,90 Euro

Die beteiligten Künstler finden Sie unter:
formundzweck.de/de/mies-van-der-rohe-haus/hauptsache-grau/beschreibung.html

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