Buchsucht

2. August 2012, 0 Kommentare
Oliver Linke

Cómo crear tipografías – Wie man Schriften entwirft

Zugegeben, mein Spanisch ist lausig, und eigentlich sollte man keine Rezensionen über Bücher schreiben, welche in einer Sprache verfasst sind, die man nicht fließend spricht. Dennoch geht es hier immerhin um eines der ersten Lehrbücher (wenn nicht sogar DAS erste), das sich ausführlich dem Schritentwurf widmet. Und das wollte ich mir unbedingt genauer ansehen.


Und tatsächlich: Das unscheinbare Büchlein hat es in sich. Anders als das bislang einzige ausführliche Werk zum Thema (Karen Cheng: »Anatomie der Buchstaben«, Hermann Schmidt, 2006) liefert es nicht bloße Analysen bestehender Schriften, sondern entwickelt eine echte Lehre »von der Skizze bis auf den Bildschirm«.
Das ist wohl kein Wunder, denn die Autoren Cristóbal Henestrosa, Laura Meseguer und José Scaglione sind nicht nur bekannt für zahlreiche preisgekrönte Schriftentwürfe, sie haben auch an den besten Schulen (Cooper Union New York, University of Reading, Königliche Akademie Den Haag) dieses Fach studiert.

Für die Entwicklung ihrer Lehre verwenden die Autoren in den ersten Kapiteln ein raffiniertes Stilmittel: In kurzen Abschnitten kommen Sie wechselseitig zu Wort, berichten, erklären und geben Tipps. Diese dialogartige Herangehensweise macht die Texte etwas kurzweiliger; man hat tatsächlich das Gefühl, als wohne man einem Fachgespräch der dreien bei. Dabei wird natürlich alles ausführlich durch Beispiele illustriert.



Nach dem ersten Kapitel zur Motivation (warum sollte man überhaupt noch neue Schriften entwerfen?) folgt eine ausführliche Einführung zur Herkunft der Buchstabenzeichen aus dem Geschriebenen. Eine elementare Grundlage, die sich an der Schrifttheorie Gerrit Noordzijs orientiert und heute von fast allen Schulen gelehrt wird.



Weiter geht es mit wichtigem Basiswissen zu Skizziermethoden und Grundlagen zum optischen Ausgleich von Buchstabenformen.
Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Digitalisierung, stellt sinnvolle Metthoden vor und wiederholt dabei nochmals einige Beispiele optischer Angleichungen. Ebenso gibt es Hinweise zu Akzentbuchstaben und Sonderzeichen.



Es folgt ein Kapitel zur Zurichtung, auch bei Ziffern, mathematischen Zeichen und Währungssymbolen. Ebenso wird auf die Problematik der vertikalen Proportionen eingegangen.

Schließlich wird im Kapitel sechs der Ausbau der Schriftfamilie thematisiert und erklärt, wie mithilfe der Multiple-Master-Technologie Fettegrad, Breite oder andere Parameter eingestellt werden können. Leider kommt hier die Beschreibung der »echten Kursiven« etwas kurz, Kapitälchen fehlen ganz.



In Kapitel sieben wird auf die Tatsache eingegangen, dass Schrift heute »Software« ist, und dementsprechend stark von technischen Variablen abhängt. In diesem Zusammenhang werden technische Grundlagen geklärt und kurz auf die Besonderheiten bei nichtlateinischen Schriftsystemen eingegangen.

Im achten Kaptitel wird der Vertrieb von Schriften diskutiert: Lizenzfragen, Piraterie und verschiedene Bezahlmodelle stehen im Vordergrund. Das letzte Kapitel schließt mit »Perspektiven« im Type Design.

Im Anhang wurde ein nützliches Glossar erarbeitet, ein Stichwortverzeichnis wäre vielleicht für zukünftige Auflagen noch anzuregen.

Fazit: »Cómo crear tipografías« verspricht nicht zu viel: Hier wird Schriftentwurf bis ins Detail und auf höchstem Niveau vermittelt. Auch wenn sich an wenigen Stellen Inhalte durch Autorenwechsel doppeln, vermindert das die Qualität keineswegs. Wir können nur hoffen, dass so bald wie möglich eine englische oder gar deutsche Fassung verfügbar wird.


Cristóbal Henestrosa, Laura Meseguer, José Scaglione:
Cómo crear tipografías – Del boceto a la pantalla
144 Seiten
Format 17 x 21 cm
Tipo e Editorial, Madrid, 2012
ISBN 978-84-938654-1-2
18,– EUR zzgl. Versand
www.tipo-e.com

Fotos: Tipo e Editorial

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