Buchsucht

14. Oktober 2014, 1 Kommentare
Oliver Linke

Browser-Typografie

Durch Zufall bin ich auf diese mir bislang unbekannte Studie gestoßen, die in wesentlichen Teilen als Dissertation bereits im Jahr 2006 vorlag und schließlich 2008 verlegt wurde. Warum ein so altes Buch besprechen, noch dazu, wenn es um Internetmedien geht? Ganz einfach: Ein wesentlicher Teil der Arbeit beschäftigt sich intensiv mit der Lesbarkeit von Schrift am Bildschirm, und diese Erkenntnisse dürften auch heute für einige unter uns höchst spannend sein.



Satte 467 Seiten benötigt der Autor, um sein Thema auszubreiten – in typisch wissenschaftlicher Manier, was das Buch zuweilen auch etwas schwerfällig macht. Wer sich das Ganze allerdings über das gut strukturierte Inhaltsverzeichnis erschließ, braucht sicher nicht jede Hintergrundinformation mitzulesen, um an die wesentlichen Erkenntnisse zu gelangen. Etliche Kapitel beschäftigen sich mit allgemeinen Erläuterungen zu Internet, Technologien, Sprache und Lesen, typografischen Fachbegriffen etc, bevor der Autor sich an das Herzstück seiner Ausführungen macht: Eine Studie, die die Lesbarkeit von Browser-Typografie untersucht, also das Lesen am Bildschirm empirisch mit statistisch relevanten Daten zu quantifizieren versucht.

Die Studie spielt dabei insgesamt 90 (!) typografische Konstellationen durch: 2 Schriftarten in 3 Graden, 5 Zeilenlängen und 3 Zeilenabständen. Mit über 1400 Probanden wurden signifikante Daten erreicht; die interessantesten hier in Kürze:

Als wichtigster typografischer Faktor ging klar die Zeilenlänge aus der Studie hervor. 40 bis 50 Zeichen pro Zeile zeigten eine deutlich bessere Lesbarkeit gegenüber kürzeren oder längeren Zeilen. Gegenüber den im Druck oft empfohlenen 50 bis 80 Zeichen muss man hier also umdenken.
Auch für die Schriftgröße gibt es klare Empfehlungen: eine n-Höhe von mindestens 7 Pixeln lieferte die besten Ergebnisse. Verblüffend finde ich, dass der Zeilenabstand so gut wie keinen Einfluss auf die Lesbarkeit hatte. Ebenso ohne signifikante Auswirkung auf die Lesbarkeit blieb die Schriftwahl (solange man mit »normalen« Textschriften arbeitet). Allerdings wurde auch nach den subjektiven Vorlieben der Probanden zu den verschiedenen Schriften gefragt und hier ergaben sich deutliche Ausschläge. Es zeigte sich also (wie inzwischen auch andernorts) ein Unterschied zwischen objektiver (biomechanischer) und »gefühlter« Lesbarkeit. Ein für Typografen wichtiger Faktor, der nicht unberücksichtigt bleiben sollte.



Die Tatsache, dass die Studie bislang vielen Fachleuten verborgen blieb, mag vielleicht auch an der Erscheinungsform liegen. Leider wirkt die Typografie der Publikation auf jeden, der sich in dieser »Branchenecke« auskennt, eher abschreckend. »Word-Satz«, mangelhafte Buchgestaltung und -herstellung vom Cover bis zur Bindung tragen mit Sicherheit nicht zur Verbreitung in Fachkreisen bei. Schade, der Inhalt hätte besseres verdient.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre es eine Online-Dokumentation des Experiments und dessen Ergebnisse. Das würde dem ein oder anderen »Webtypografen« sicher sehr helfen.



Martin Liebig: Browser-Typografie. Untersuchungen zur Lesbarkeit von Schrift im World Wide Web
470 Seiten, Hardcover
Format 15,5 x 22,5 cm
Verlag Werner Hülsbusch, Boizenburg, 2008
ISBN 978-3-940317-09-4
35,90 EUR
www.vwh-verlag.de

Fotos: Oliver Linke

Kommentare

1

Danke Oliver, dass du diese 470 Seiten für uns zusammengefasst hast! :o)

40 bis 50 Zeichen pro Zeile sind sehr wenig – daran hält sich bis dato kaum eine Website. Das trägt natürlich auch dazu bei, dass Texte online nur mehr überflogen, aber nicht gelesen werden. Wir Webdesigner leisten der daraus resultierenden neuen Oberflächlichkeit und allgemeinen Unkonzentriertheit Vorschub.

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