Mai 2008, Istanbul: Die Reisegruppe der tgm beim Abendessen. Einige am Tisch schlagen vor, auch einmal eine Studienreise nach Armenien zu unternehmen. Ich freue mich über das Interesse und biete an, eine solche Reise für die tgm zu organisieren. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch keinerlei Vorstellung davon, was eine Reiseorganisation bedeutet.
Juni 2008, München: Das Aktivteam der tgm beim allmonatlichen Jour fixe. Der Vorschlag zur Reise nach Armenien wird ausgesprochen und findet allgemeine Zustimmung.
Oktober 2008: Kurz nach Ankündigung der Reise gibt es schon die ersten Voranmeldungen! Ich bin zwar mitten in der Planung, kann mir aber gleichzeitig nicht vorstellen, dass am Ende die Mindestzahl der Anmeldungen überhaupt erreicht wird.
April 2009: Armenien-Mattinee der tgm. Monique Laruell bewirtet die Teilnehmer mit armenischen Gerichten. Sie ist begeistert von dieser Küche, die sie gerade erst kennengelernt hat. Gerayer Koutcharian kommt aus Berlin und führt die Teilnehmer in die Kultur der Armenier ein.
9. Mai 2009: tgm zeigt Atom Egoyans Film »Ararat«, der trotz der schwierigen und teilweise unverständlichen (kanadisch-englischen) Dialoge für eine rege Diskussion im Anschluss sorgt.
18. Mai 2009: Die Reise ist ausgebucht!
Juli 2009, Jerewan: Familientreffen. Perfekt! So kann ich zumindest das Hotel vor Ort buchen und muss mich nicht nur auf die vielversprechende Internetwerbung verlassen. An weitere Organisation ist allerdings nicht zu denken. Die Hitze lähmt (über 40 ℃), und ich bin nur 4 Tage dort.
September bis 23. Oktober 2009: Meine Telefonleitung läuft heiß. Die Familie in Armenien wird immer wieder gebeten, Informationen zu sammeln, und ich bin in regem Kontakt mit Kollegen, vor allem mit Edik Ghabuzyan, dem Jerewaner Type-Designer, der begeistert ist davon, dass deutsche Typografen und Typorgrafie-Interessierte nach Armenien kommen, um seine Kultur, ihn und seine Kollegen und deren Werke kennenzulernen.
24. Oktober bis 31. Oktober 2009, Jerewan: Täglich drei bis vier Termine (Kollegen treffen, deutsche Führungen bei diversen Museen organisieren, Test-Essen in verschiedenen Restaurants, ein geeignetes Konzert, einen Übersetzer und/oder Reiseführer, eine zuverlässige Transportfirma finden usw.) Am letzten Abend vorm Eintreffen der Reisegruppe habe ich zumindest die ersten fünf Tage komplett geplant und einen lückenlosen Verlauf des Programms festgelegt. An den letzten zwei Tagen der Reise gibt es jeweils eine noch nicht bestätigte Verabredung. Die Armenier verstehen nicht, warum man sich eine Woche oder gar zehn Tage vorher fest verabreden soll (»Wir telefonieren am Abend zuvor …«). Mit einfachsten Mitteln setze ich ein Programm-Faltblatt, lasse es 25 Mal in einem abenteuerlichen Copyshop ausdrucken, falte und schneide diese als das Telefon klingelt: erste Programmänderung: Die Kulturministerin empfängt die Gruppe nicht wie vereinbart am Mittwoch, sondern bereits am Montag …
7. November 2009: Wir sind zurück zu Hause. Ich hatte die wunderbarste Reisegruppe, die sich ein Reiseleiter nur vorstellen kann. Eine Gruppe, die mich nach einem absolut unerträglichen Konzert umarmte und sagte: »Alles ist gut – entspanne dich.« Danke euch dafür! Und danke euch auch dafür, dass ihr die Schönheit »meines« Landes gesehen und dessen Unzulänglichkeiten liebevoll toleriert habt – etwas, was mir selbst nur sehr selten gelingt.
Danke auch an alle, die mich bei dieser spannenden Arbeit begleitet und unterstützt haben. Danke, Tessa Hofmann, für Ihre Essay im tgm-Halbjahresprogramm Frühjahr/Sommer 2009. Danke, Gerayer Koutcharian, für Ihre Einführung im Frühjahr 2009 in München. Danke, Edik Ghabuzyan, für Ihre Begeisterung, Ihre Offenheit und Ihre enorme Unterstützung vor Ort. Danke, Marina Dietweger, für die wunderbare Teamarbeit. Und danke, tgm, für die Gelegenheit, mich so intensiv mit meinen Wurzeln und mit dem Land meiner Vorfahren beschäftigen zu können.
Samstag, 7. November 2009, Catherine Avak





















Mesrop Mashtot vor dem Matenadran
Armenien in der Bibliothek
Bibliothekssaal
Unter fachkundiger Führung bekommen wir einen Überblick der wichtigsten Exponate, beginnend mit Schriften aus der Ursprungszeit der armenischen Schrift, deren Schöpfer Mesrop Mashtot heißt. Er entwickelte sie in Kooperation mit einem Kalligraphen im Jahr 405.
Nach Abschluss der Arbeiten wurde als Erstes die Bibel übersetzt, um den Armeniern endlich Zugang zu diesen Texten zu verschaffen. Dies war enorm wichtig, da die Religion damals wie heute identitätsstiftend für dieses in alle Welt verstreute Volk wirkt. Als Konsequenz folgten weitere Übersetzungen, vor allem griechischer und römischer Werke
der Antike, die so vor der Vergessenheit bewahrt wurden, da ironischerweise die Originale in den Wirrungen des Mittelalters verloren gingen. Es finden sich hier bedeutende Handschriften zu Themen wie Philosophie, Naturwissenschaften, Recht und Grammatik sowie Wörterbücher. 

