Reise


14
Dez 09

Armenienrausch

Nach meiner Rückkehr in München dachte ich mir: Toll, ich war Teil der besten Reisegruppe der Welt und hatte das Glück und die Ehre, die beste Reiseführerin der Welt dabei gehabt zu haben. Armenien war höchst interessant und eindrucksvoll, aber nicht vordergründig so prall der Erinnerungen, dass ich unmittelbar den Wunsch verspürte, möglichst schnell dort wieder hinzufahren.

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Wie sieht es aber jetzt nach mehr als vier Wochen aus? Nun, ich muss gestehen, dass es zwischenzeitlich gegärt hat. Ordentlich gegärt hat. Ich möchte noch nicht von einem Zustand der »Armenienberauschung« sprechen, dennoch meine ich mir allmählich einer besonders nachhaltigen armenischen Spiritualität bewusst zu werden, die die Landschaft, die wir gesehen haben, die wenigen Menschen, die wir dort getroffen haben und die Musik, die wir häufiger dort gehört haben, alle mit verursacht haben. Kurzum, ich bin mir sicher, dorthin einmal wiederzukehren, um mit Muße die Orte der Erinnerung aufzusuchen. Da gibt es noch viel zu entdecken.

Kleiner Exkurs: Bach, Haydn, Mozart, Beethoven u.v.a.m. hatten im Prinzip armenische Vorfahren! – Man müsste nur einmal ordentlich musikwissenschaftlich forschen und würde dabei garantiert auf armenische Wuzeln stoßen. Zumindest mütterlicherseits in der 3.–4. Ahnenreihe. Ich bin mir sicher, dass die armenische musikwissenschaftliche Forschung zwischenzeitlich zu ganz neuen Erkenntnissen diesbezüglich gelangt ist.*) In den wenigen Tagen in Armenien ist mir ein Volk ans Herz gewachsen, dass so unglaublich patriotisch ist, dass es nicht nur auf eigene kulturelle Leistungen der längsten Vergangenheit stolz ist, sondern in seiner grenzenlosen Großherzigkeit auch gleich andere Kulturgrößen und kulturelle Errungenschaften des Orients wie des Okzidents für sich und seine Wurzeln zu vereinnahmen bereit ist. Das wirkt. Bei mir nachhaltig. Und positiv.

Wie Eingangs schon erwähnt, ist das ein fortdauernder Prozess, der gerade erst seinen Anfang genommen hat. Ziemlich genau am 07. Nov. 2009.

Christoph Höfer am 11. Dezember 2009

*) Anm. ⅾ. Red.: Diese Ironie bezieht sich einerseits auf Radio-Eriwan-Witze (»im Prinzip ja«), andrerseits auf die Bemühungen vieler Armenier, in allen »positiven« historischen Ereignissen eine armenische Beteiligung nachweisen zu wollen.

Frage an Radio-Eriwan: »Ist es in der UdSSR gestattet, die Sprüche Maos zu lesen?« – »Im Prinzip ja, aber nur im Original.«

Frage an Radio-Eriwan: »Darf ein kleiner Parteifunktionär einen großen Parteifunktionär kritisieren?« – »Im Prinzip ja, aber es wäre echt schade um den kleinen Parteifunktionär …«

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9
Nov 09

Kleines Tagebuch der Organisation

Mai 2008, Istanbul: Die Reisegruppe der tgm beim Abendessen. Einige am Tisch schlagen vor, auch einmal eine Studienreise nach Armenien zu unternehmen. Ich freue mich über das Interesse und biete an, eine solche Reise für die tgm zu organisieren. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch keinerlei Vorstellung davon, was eine Reiseorganisation bedeutet.

Juni 2008, München: Das Aktivteam der tgm beim allmonatlichen Jour fixe. Der Vorschlag zur Reise nach Armenien wird ausgesprochen und findet allgemeine Zustimmung.

Oktober 2008: Kurz nach Ankündigung der Reise gibt es schon die ersten Voranmeldungen! Ich bin zwar mitten in der Planung, kann mir aber gleichzeitig nicht vorstellen, dass am Ende die Mindestzahl der Anmeldungen überhaupt erreicht wird.

April 2009: Armenien-Mattinee der tgm. Monique Laruell bewirtet die Teilnehmer mit armenischen Gerichten. Sie ist begeistert von dieser Küche, die sie gerade erst kennengelernt hat. Gerayer Koutcharian kommt aus Berlin und führt die Teilnehmer in die Kultur der Armenier ein.

9. Mai 2009: tgm zeigt Atom Egoyans Film »Ararat«, der trotz der schwierigen und teilweise unverständlichen (kanadisch-englischen) Dialoge für eine rege Diskussion im Anschluss sorgt.

18. Mai 2009: Die Reise ist ausgebucht!

Juli 2009, Jerewan: Familientreffen. Perfekt! So kann ich zumindest das Hotel vor Ort buchen und muss mich nicht nur auf die vielversprechende Internetwerbung verlassen. An weitere Organisation ist allerdings nicht zu denken. Die Hitze lähmt (über 40 ℃), und ich bin nur 4 Tage dort.

September bis 23. Oktober 2009: Meine Telefonleitung läuft heiß. Die Familie in Armenien wird immer wieder gebeten, Informationen zu sammeln, und ich bin in regem Kontakt mit Kollegen, vor allem mit Edik Ghabuzyan, dem Jerewaner Type-Designer, der begeistert ist davon, dass deutsche Typografen und Typorgrafie-Interessierte nach Armenien kommen, um seine Kultur, ihn und seine Kollegen und deren Werke kennenzulernen.

24. Oktober bis 31. Oktober 2009, Jerewan: Täglich drei bis vier Termine (Kollegen treffen, deutsche Führungen bei diversen Museen organisieren, Test-Essen in verschiedenen Restaurants, ein geeignetes Konzert, einen Übersetzer und/oder Reiseführer, eine zuverlässige Transportfirma finden usw.) Am letzten Abend vorm Eintreffen der Reisegruppe habe ich zumindest die ersten fünf Tage komplett geplant und einen lückenlosen Verlauf des Programms festgelegt. An den letzten zwei Tagen der Reise gibt es jeweils eine noch nicht bestätigte Verabredung. Die Armenier verstehen nicht, warum man sich eine Woche oder gar zehn Tage vorher fest verabreden soll (»Wir telefonieren am Abend zuvor …«). Mit einfachsten Mitteln setze ich ein Programm-Faltblatt, lasse es 25 Mal in einem abenteuerlichen Copyshop ausdrucken, falte und schneide diese als das Telefon klingelt: erste Programmänderung: Die Kulturministerin empfängt die Gruppe nicht wie vereinbart am Mittwoch, sondern bereits am Montag …

7. November 2009: Wir sind zurück zu Hause. Ich hatte die wunderbarste Reisegruppe, die sich ein Reiseleiter nur vorstellen kann. Eine Gruppe, die mich nach einem absolut unerträglichen Konzert umarmte und sagte: »Alles ist gut – entspanne dich.« Danke euch dafür! Und danke euch auch dafür, dass ihr die Schönheit »meines« Landes gesehen und dessen Unzulänglichkeiten liebevoll toleriert habt – etwas, was mir selbst nur sehr selten gelingt.
Danke auch an alle, die mich bei dieser spannenden Arbeit begleitet und unter­stützt haben. Danke, Tessa Hofmann, für Ihre Essay im tgm-Halbjahres­programm Frühjahr/Sommer 2009. Danke, Gerayer Koutcharian, für Ihre Einführung im Frühjahr 2009 in München. Danke, Edik Ghabuzyan, für Ihre Begeisterung, Ihre Offenheit und Ihre enorme Unterstützung vor Ort. Danke, Marina Dietweger, für die wunderbare Teamarbeit. Und danke, tgm, für die Gelegenheit, mich so intensiv mit meinen Wurzeln und mit dem Land meiner Vorfahren beschäftigen zu können.

Samstag, 7. November 2009, Catherine Avak


9
Nov 09

Die Abreise: Fingerabdrücke in Armenien und nächtliches Arbeiten

Um drei Uhr morgens fanden wir uns alle pünktlich beim Bus ein. Das Hotel wollte fast noch unsere Abfahrt vereiteln, weil noch nicht in allen Zimmern die Minibars kontrolliert worden waren. Unser Vorsitzender löste das Problem aber in gewohnt souveräner Weise.

Ein letzter Blick auf den Ararat:

Ein letzter Blick auf den Ararat

Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen mußten alle ihre Fingerabdrücke hinter­lassen, ganz unabhängig vom Alter des Reisepasses. Werden die jederzeit abrufbar aufbewahrt, oder sind sie schnell entsorgter Datenmüll? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren.

In der Cafeteria hieß es dann Warten. Für die einen war es früher Morgen, für andere später Abend – zu sehen an der Wahl der Getränke (Kaffee oder Rotwein), Am Blog wurde fleißig auf drei PCs gearbeitet. So auch in Wien-Schwechat, wo wir nach drei Stunden um sechs Uhr morgens ankamen und drei Stunden auf unseren Anschlußflug nach München warten mußten.

Wir hatten eine so wunderbare Reise! Viele großartige Eindrücke und Sinnes­freuden müssen erst noch verarbeitet werden. Ich (Ulrike) träumte in der ersten Nacht daheim, wie ich perfekt mein Duduk spielen kann. Und tatsächlich konnte ich ihm mittlerweile (einmal) einen Ton entlocken!

Zum Abschied von Armenien, von Hayastan, wie das Land in seiner eigenen Sprache heißt, hier noch das schöne Gedicht von Jeghische Tsch’arents, hier in Deutsch, so wie Hakob es uns vorgelesen hat (der/die ÜbersetzerIn ist uns leider nicht bekannt).

Mein Armenien

Den Sonnengeschmack in der Sprache meines Armeniens liebe ich,
die klagende, schluchzende Saite unserer alten Saz liebe ich,
den Duft blutroter Blumen und Rosen
und den sanften Reigen der Mädchen von Nairi liebe ich.

Ich liebe das Blau unseres Himmels, das klare Wasser, den glänzenden See,
die Sommersonne und die drachenstimmigen Winterstürme,
die schwarzen Mauern der im Dunkeln verborgenen Häuser,
und uralter Städte tausendjährigen Stein liebe ich.

Wo ich auch bin – ich vergesse nicht den klagenden Ton unserer Gesänge,
vergesse nicht unsere zu Gebeten gewordenen Bücher in Eisenschrift,
und wie sehr auch mein Herz von unseren blutigen Wunden brennt –
mein verwaistes, kummervolles und geschätztes Armenien liebe ich ewiglich.

Für mein sehnsüchtiges Herz gibt es auf Erden keine andere Erzählung,
gibt es einen den Narekats’i, dem Khutsch’ak gleichen Verstand nicht auf dieser Welt.
Durchstreif’ die Welt – es gibt keinen weißen Gipfel dem des Ararat gleich.
Den Gipfel des Ararat liebe ich – wie den Weg zu unerreichbarem Ruhm.

»Mein Armenien« von Jeghische Tsch’arents in original:

»Mein Armenien« von Jeghische Tsch'arents

Schnorhakal em Catherine, schnorhakal em Hakob. Z-tesutjoon Hayastan!

Ulrike und Johannes Küster


8
Nov 09

Donnerstag: von Maschtots bis Chatscha’atrjan

Besuch beim Schriftheiligen

Der Schriftheilige Armeniens, dessen Grab jedes Schulkind besuchen muss, liegt in Oshakan. Er hieß Mesrop Maschtots und er hat die armenische Schrift im 4. Jahrhundert konstruiert. Im Buchstaben-Skulpturengarten in Oshakan sind die einzelnen heiligen Zeichen reichlich verziert dargeboten (im Bild der armenische Buchstabe T).

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Im Nebengebäude, in dem sich normalerweise die »heiligen« Übersetzer treffen, war die Ausstellung des letztjährigen Type-Design-Wettbewerbs »Granschan« zu sehen. Die abgebildete Arbeit stammt von Edik Ghabuzyan, wohl einer der interessantesten Type-Designer Armeniens.

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Der Designerverband Armeniens

Eine Delegation der tgm-Reisegruppe besuchte den armenischen Designer­verband, repräsentiert durch den jetzigen und den ehemaligen Präsidenten. In der Sowjetzeit gab es bereits eine Designinitiative, die den heutigen Umständen entsprechend wieder aufleben soll. Das wird etwas schwierig werden, da die dazugehörige Industrie im heutigen Armenien weitgehend fehlt. Der Verband umfasst alle Designbereiche, wobei Industrie, Möbel und Architektur im Vorder­grund stehen sollen. Nach Aussage des Präsidenten wären genug Spezialisten im Land, die damit repräsentiert werden sollten. Etwa 400 Mitglieder gäbe es bisher. Fortbildungsseminare für Gestalter gibt es bisher nur selten. Jedoch redet der Designerverband bei den Lehrplänen der fachlichen Schulen mit und aus dem Vorstand des Designverbands kommen auch Dozenten. Es gibt hauptsächlich Wettbewerbe. Die Mitglieder müssen eine abgeschlossene Berufsausbildung und Erfahrung im Beruf haben. Sie werden nach vorliegenden Arbeiten von einem kleinen Gremium ausgewählt.

Die kleinste Dorfkirche Armeniens oder der ganzen Welt?

»Karmrawor«, schnuckelige kleine Dorfkirche aus dem 7. Jahrhundert im Regen. Schöne alte Kreuzsteine. Inschrift als Fries um die Kirche.

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Schluchtkirche

Noch mehr Regen um die Klosterkirche »Saghmosavank« (Psalmenkloster), herrlich über einer wunderschönen, wildromantischen Schlucht gelegen. Während Hakob nach dem Schlüssel rennt, genießen wir die nasse Aussicht. Dankbar in den trockenen Innenräumen.

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Opera

Im 1937 eingeweihten Doppelbau Oper und Philharmonie überrascht Aram Chatsch’atrjan mit seinem Ballett »Gajane« (1942), von dem die meisten nur den »Säbeltanz« kennen. Spätexpressionistisches, sehr farbiges Bühnenbild (noch vom Meister selbst genehmigt), akzeptables Orchester, enthusiastisch beklatschte Tänzer (Ballett-Tänzer in Yerevan sollte man sein). Trotzdem wurde wie wild telefoniert und fotografiert.

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Donnerstag, 5.11.2009, abends, Astrid Baldauf und Rudolf Paulus Gorbach


6
Nov 09

Unterwegs: Landschaft, Gegend

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Mittwoch, 4.11.2009, Pavlo Kochan