Blick aus dem Fenster: Trocken!

Nach zwei Regentagen verspricht die Straße auch Sonne. Ein paar hellblaue Streifen sind schon zu sehen … Für einen Montag morgen ist noch wenig Verkehr um 9 : 00 Uhr.
Beim Frühstück geht es (wieder einmal) um die Frage der Anerkennung des Genozids an den Armeniern 1914⁄15. Soll in der deutschen Politik die Wahrheit entscheiden oder politische ,Klugheit‘? Deutschland, damals das Deutsche Reich, hat zumindest eine Mitverantwortung, vielleicht sogar Mitschuld. Mit mehr als 3 Millionen Türken in der Bundesrepublik, die vielleicht ihre Meinung mit Molotow-Cocktails verstärken? Was würde es nützen – und wem? Dann aber müssen wir zum Bus, der Tagesplan ist eng getaktet. Der kleine weiße Bus wartet schon vor dem Hotel.

béret

9 : 30 Besuch der Grafik-Abteilung der Kunsthochschule, vor der uns Ara Baghdasaryan erwartet: Beaux Arts lässt grüßen. Wie sich später herausstellt, gibt es auch eine Verbindung zu der Schule in Limoges. In der Werkstatt stehen zwei alte Radierpressen und eine alte Lithopresse, in einer Ecke ein ,Offenes System‘.

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Zeichnen, Zeichnen, Zeichnen … meist stehen junge Frauen vor der Staffelei.

frauen

In einem anderen Haus, das man zu Fuß über kleine Teerwege, Stufen, und an Löchern vorbei erreicht, stellen die Lehrenden das Studium an Hand von Diplomarbeiten dar: Corporate Design, Piktogramme, Orientierungsysteme, jeweils auf Charts ca. 1 × 2,5 m. Für einen Ausdruck in dieser Größe müssen die Studierenden 100,00 US $ bezahlen, eine Summe, die im Kaufkraftvergleich weit mehr als 1000,00 € entspricht. Eine Arbeit aus dem Industriedesign, ein elektrogetriebenes, multifunktionales Fahrzeug für die Stadtreinigung, könnte auch eine Diplomarbeit an einer Schule bei uns sein. Sie kann aber an den Computern in der Design-Abteilung, die auf mich wie eine ,Legebatterie‘ wirken, nicht entstanden sein. Die Zeit ist zu kurz, um nach Details zu fragen. Mehr Offizielles steht auf www.yafa.am.

balkone

Wer das Treppenhaus im Hauptgebäude hochsteigt, sieht jedesmal einen Fassaden­ausschnitt, der ahnen lässt, wie eng es in den Wohnungen ist – Hakob etwa lebt mit einer Großmutter, den Eltern und seiner Schwester in einer Zweizimmer­wohnung – zum Glück ist die Schwester fast nie da.

11 : 00 Sergei-Paradjanov-Museum, ein Haus in der Art der alten Wohnhäuser in der Stadt, als sie noch 20 000 Einwohner hatte, oberhalb des tiefen Einschnitts, wo unten der Fluss ist, schräg gegenüber sehen wir das Fußballstadion mit seinen klitschbunten Sitzreihen – nach dem Fußballspiel Türkei gegen Armenien ein Zeichen der Hoffnung. Für Münchener ist der Namen Paradjanov nicht unbekannt, da vor kurzem sein Film Die Farbe des Granatapfels (Sayat-Nova) lief.
Das Haus ist voller skurriler Collagen, Montagen und Assemblagen, privater Mythologien, die auch eine Auseinandersetzung mit dem Druck des Sowjetsystems sind. Paradjanov hat sogar im Gefängnis mit allem Abfall, den er bekommen konnte, Geschichten erzählt, bis hin zu den dünnen Aluminiumverschlüssen von Milchflaschen, aus denen er seine reliefierten Thaler machte: Phantastische Moderne oder auch Poetischer Realismus im Dialog mit Tarkowsky, Fellini, Guerra und Pasolini.

nähmaschine

13 : 00 (in Wirklichkeit 13 : 30) erläutert Edik Ghabuzyan die Entstehung und die innere Systematik der armenischen Schrift – ein bisschen mühsam, da immer wieder übersetzt werden muss und Hakob die speziellen Begriffe auch nicht so recht kennt. Catherine mischt sich ab und zu ein. Zwischendurch ein kleines Büffet. Ghabuzyan ist von Hause aus Mathematiker und hat vor 20 Jahren angefangen, Schriften für wissenschaftliche Zwecke zu machen ähnlich wie Donald Knuth TeX. Daraus ist eine umfangreiche Bibliothek armenischer Fonts geworden. 2008 hat er den armenischen Type-Design Wettbewerb ins Leben gerufen, der jährlich stattfindet. 2012 wird Armenien 500 Jahre Buch feiern, da im Jahr 1512 das erste Buch in armenischer Schrift in Venedig gedruckt worden ist, lange bevor es eine Druckerei in Armenien selbst gab. Ghabuzyan arbeitet gerade für Adobe an den armenischen Figuren für die Minion und die Myriad und für Microsoft an einem armenischen Systemfont.
Zur Illustration: Die Marke Segafredo ZANETTI mit armenischen Figuren zeigt auf der einen Seite, wie prägnant das Zeichen selbst ist und lässt auf der anderen Seite einzelne armenischen Buchstaben erkennen. ® muss ® bleiben.

segafredo

15 : 00 Mit dem Bus geht es zu dem Architekten und Grafiker Fred Afrikyan, der uns in einem winzigen Büro hunderte von Schriftblättern zeigt. Wir tauchen in eine längst vergangene Zeit ein, Buchumschläge (er sagt, er hätte bisher mehr als 400 gemacht), Medaillenentwürfe und Schriften, alle Tusche oder Gouache über Blei­stift und minutiös mit Deckweiß korrigiert.

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Danach will er uns die Architektur der Stadt zeigen, aber der Bus kann nirgendwo anhalten. Als wir am Architekturmuseum ankommen, ist es geschlossen, entgegen den angeschlagenen Öffnungszeiten und ohne weitere Notiz. So erklärt er uns an einer windigen Ecke noch einmal die Planungen Alexander Tamanyans († 1937) und seiner Schüler, die in den 20-er Jahren begonnen wurden und schließlich auch zu der vor etwa zehn Jahren fertig gestellten, riesigen Treppenanlage geführt haben, an deren oberem Ende Mutter Armenien steht.

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Nach einer Weile sieht er, dass das Unterfangen wenig Sinn macht und verab­schiedet sich – Zeit für einen Kaffe bis zum nächsten Termin. Links Hakob Markosyan (27), unser Reisebegleiter und Übersetzer, rechts Fred Afrikyan (72), ein ,echter‘ Armenier, wie er sich selbst nennt.

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Yerewan wird auch die rosa Stadt genannt, weil viele Fassaden aus Tuffstein in einer Vielzahl von rötlichen bis grauen Tönen gebaut sind. Von Nahem sind an den Schnittflächen die Weiten Armeniens zu entdecken.

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18 : 00 Empfang bei der Kulturministerin Hasmik Poghosyan, rechts Edik Ghabuzyan, Austausch von offiziellen Höflichkeiten, freundlich, locker. Über ein Projekt mit der Literaturwerkstatt vor ihrer Zeit als Ministerin ist sie mit Deutschland verbunden. Das Projekt war für sie vielleicht auch ein Sprungbrett.

Zu Abend essen wir in einem georgischen Restaurant. Die Spezialität sind fleisch­gefüllte Teigtaschen, eine Art Pirogi. Hakob erzählt über Tischmeister (armenisch: Tamada) und die Sitte der Trinksprüche. Einen für die Kinder gibt er zum Besten, Stichwort Nagelbrett. Das könnte ein schöne Zugabe sein zu den armenischen Weinen, die Freunde von ihm in Deutschland vermarkten. Vielleicht gibt es da ja auch Marmelade von grünen Nüssen, getrocknete Aprikosen aus Armenien oder andere Köstlichkeiten, die wir hier kennen gelernt haben:
Nari-Vertrieb
Armenien-Shop

2. November 2009, abends, Gerd Fleischmann

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