Nach meiner Rückkehr in München dachte ich mir: Toll, ich war Teil der besten Reisegruppe der Welt und hatte das Glück und die Ehre, die beste Reiseführerin der Welt dabei gehabt zu haben. Armenien war höchst interessant und eindrucksvoll, aber nicht vordergründig so prall der Erinnerungen, dass ich unmittelbar den Wunsch verspürte, möglichst schnell dort wieder hinzufahren.
Wie sieht es aber jetzt nach mehr als vier Wochen aus? Nun, ich muss gestehen, dass es zwischenzeitlich gegärt hat. Ordentlich gegärt hat. Ich möchte noch nicht von einem Zustand der »Armenienberauschung« sprechen, dennoch meine ich mir allmählich einer besonders nachhaltigen armenischen Spiritualität bewusst zu werden, die die Landschaft, die wir gesehen haben, die wenigen Menschen, die wir dort getroffen haben und die Musik, die wir häufiger dort gehört haben, alle mit verursacht haben. Kurzum, ich bin mir sicher, dorthin einmal wiederzukehren, um mit Muße die Orte der Erinnerung aufzusuchen. Da gibt es noch viel zu entdecken.
Kleiner Exkurs: Bach, Haydn, Mozart, Beethoven u.v.a.m. hatten im Prinzip armenische Vorfahren! – Man müsste nur einmal ordentlich musikwissenschaftlich forschen und würde dabei garantiert auf armenische Wuzeln stoßen. Zumindest mütterlicherseits in der 3.–4. Ahnenreihe. Ich bin mir sicher, dass die armenische musikwissenschaftliche Forschung zwischenzeitlich zu ganz neuen Erkenntnissen diesbezüglich gelangt ist.*) In den wenigen Tagen in Armenien ist mir ein Volk ans Herz gewachsen, dass so unglaublich patriotisch ist, dass es nicht nur auf eigene kulturelle Leistungen der längsten Vergangenheit stolz ist, sondern in seiner grenzenlosen Großherzigkeit auch gleich andere Kulturgrößen und kulturelle Errungenschaften des Orients wie des Okzidents für sich und seine Wurzeln zu vereinnahmen bereit ist. Das wirkt. Bei mir nachhaltig. Und positiv.
Wie Eingangs schon erwähnt, ist das ein fortdauernder Prozess, der gerade erst seinen Anfang genommen hat. Ziemlich genau am 07. Nov. 2009.
Christoph Höfer am 11. Dezember 2009
*) Anm. ⅾ. Red.: Diese Ironie bezieht sich einerseits auf Radio-Eriwan-Witze (»im Prinzip ja«), andrerseits auf die Bemühungen vieler Armenier, in allen »positiven« historischen Ereignissen eine armenische Beteiligung nachweisen zu wollen.
Frage an Radio-Eriwan: »Ist es in der UdSSR gestattet, die Sprüche Maos zu lesen?« – »Im Prinzip ja, aber nur im Original.«
Frage an Radio-Eriwan: »Darf ein kleiner Parteifunktionär einen großen Parteifunktionär kritisieren?« – »Im Prinzip ja, aber es wäre echt schade um den kleinen Parteifunktionär …«