Mittwoch: Sewansee und Matenadaran

Um 8:30 Uhr morgens brechen wir wie immer mit leichter Verspätung Richtung Sewansee auf. Die Zeit drängt, mittags müssen wir wieder zurück sein, denn die armenische Schriftensammlung wartet auf uns.

Während sich unser Bus die Steigungen ins armenische Hochland hinaufquält, wird in unserem Rücken zum ersten Mal der Gipfel des Ararat sichtbar. Die Sonne scheint, wir haben Glück, und je weiter wir vorankommen, umso höher werden die Berge um uns herum, deren Gipfel schon alle weiß sind. Als wir an Sewan, der namensgebenden Stadt, vorbeifahren, grüßt ihr Wahrzeichen, ein Riesenrad mit einer letzten, einsamen Gondel, ein Relikt aus besseren Zeiten.

Fahrt-nach-Seewan

Bevor die Straße das Seeufer erreicht, umfahren wir eine Erhebung mit Namen Schwiegertochterhügel. Diese Bezeicnung geht auf eine Sage zurück, nach der eine Schwiegertochter vergaß, die Quelle des Dorfes mit einem Stein wieder zu verschließen und so der überquellende Brunnen eine große Überschwemmung verursachte, die zur Entstehung des Sewansees führte. Die erbosten Dorfbewohner verfluchten daraufhin die Frau, und sie erstarrte zu Stein. Ergebnis war der obengenannte Hügel.

Kurz darauf erreichen wir die Uferstraße, die wohl etwa das frühere Niveau des Sees markieren dürfte. Der in 1900 Metern Höhe über dem Meeresspiegel gelegene See ist einer der höchstgelegenen der Welt und hat heute nur noch etwa zwei Drittel der ursprünglichen Ausdehnung, was auf die extensive Wasserentnahme während sowjetischer Zeiten zurückzuführen ist. Damals wurden an Flussläufen, die dem See entspringen, mehrere große Kraftwerke errichtet, um das Land mit Strom zu versorgen. Dieser Umstand hätte auf Dauer für die Region, die hauptsächlich von Kartoffelanbau und Fischfang lebt, katastrophale Folgen gehabt.

Seewan_See

Von der Uferstraße biegen wir in einen Weg ein, der uns über ein Trasse, die früher einmal unter Wasser lag, zum Kloster bringt, das heute auf einer Halbinsel liegt. Der Name kommt se van, was so viel bedeutet wie hier (se) soll ein Kloster (van) entstehen. Wir steigen 250 Stufen zu den drei Kirchen hinauf, von denen zwei noch stehen. Der Ausblick ist atemberaubend, das Ende des See nur noch zu erahnen. Nicht umsonst sprechen die Einheimischen von ihrem Meer. Der Himmel ist verhangen, nur hin und wieder bricht die Sonne durch, die Atmosphäre ist düster, was diesem Ort mit seinen geduckten, dunklen, sehr archaischen Kirchen eine unheimliche Stimmung gibt.

Seewan_Kirche

Bei der Besichtigung einer der Kirchen zeigt uns Hakob, unser Führer, einen Kreuzstein aus dem 16. Jahrhundert mit biblischen Szenen. Die Einfachheit der Darstellungen, die schon fast etwas Kindliches haben, beeindruck uns sehr. Nach einem letzten Rundgang kehren wir, mittlerweile frierend, zum Bus zurück. Hier liegt schon Schnee, und der Wind ist bitterkalt.

Esel

Auf dem Rückweg entscheiden wir uns an einer günstigen Stelle für einen kurzen Halt, damit jeder den mächtigen Berg Ararat in digitaler Form mit nach Hause nehmen kann. Nach der Ankunft im Hotel und kurzem Aufenthalt schlängelt sich unser Bus wieder durch den aberwitzigen Verkehr Jerewans Richtung Norden zur armenischen Schriftensammlung, dem Matenadaran. Die Armenier haben mit diesem Prachtbau ihrer Schrift ein wahres Denkmal gesetzt. Der Bau liegt in exponierter Lage auf einem Hügel über der Stadt. Wir genießen einen wunderbaren Ausblick. Die Sammlung ist, auch Dank wohlhabender und wohlgesonnener Exilarmenier, in kurzer Zeit von 5000 auf 17000 Exemplare angewachsen, und deren Digitalisierung wurde bereits begonnen. Unter matenadaran.am wird es bald (vielleicht auch schon jetzt?) möglich sein, einige dieser Schätze zu betrachten.

MashtotMesrop Mashtot vor dem Matenadran
Bibliothek_LandkarteArmenien in der Bibliothek
Bibliothek_ganzBibliothekssaal

Buch_1Unter fachkundiger Führung bekommen wir einen Überblick der wichtigsten Exponate, beginnend mit Schriften aus der Ursprungszeit der armenischen Schrift, deren Schöpfer Mesrop Mashtot heißt. Er entwickelte sie in Kooperation mit einem Kalligraphen im Jahr 405.
Buch_2Nach Abschluss der Arbeiten wurde als Erstes die Bibel übersetzt, um den Armeniern endlich Zugang zu diesen Texten zu verschaffen. Dies war enorm wichtig, da die Religion damals wie heute identitätsstiftend für dieses in alle Welt verstreute Volk wirkt. Als Konsequenz folgten weitere Übersetzungen, vor allem griechischer und römischer Werke
Buch_3der Antike, die so vor der Vergessenheit bewahrt wurden, da ironischerweise die Originale in den Wirrungen des Mittelalters verloren gingen. Es finden sich hier bedeutende Handschriften zu Themen wie Philosophie, Naturwissenschaften, Recht und Grammatik sowie Wörterbücher.

Eine kleine Anmerkung an dieser Stelle: Übersetzer genießen bis heute in Armenien hohe Anerkennung, was sich in der wohl weltweit einmaligen Tatsache ausdrückt, dass es einen nationalen Feiertag für diesen Berufsstand gibt.

Bibliothek

Eine Besonderheit der Ausstellung ist die Präsentation des armenischen Rot, ein Farbstoff, der bei den Miniaturen und Illuminationen verwendet wurde. Dieses Rot wird aus Cochinellen, kleinen asselartigen Krebstierchen gewonnen, die nur einmal im Jahr zur Paarung an die Erdoberfläche kommen. Die Rezeptur dieses Farbstoffs war zwar über die Jahrhunderte verloren gegangen, doch gelang es einem findigen Forscher des Matenadaran, nach langjährigen Versuchen dessen Gewinnung nachzuvollziehen, sodass er heute wieder hergestellt werden kann. Dieses wunderschöne Rot bleicht auch über die Jahrhunderte nicht aus und war im Altertum eine in ganz Europa begehrte Ware.

Einige Auswerwählte unserer Gruppe dürfen auch das Allerheiligste der Sammlung besichtigen, das Depot, wo ihnen im kleinen Kreis noch einige Kostbarkeiten gezeigt werden. Die anderen Türen des Instituts bleiben uns leider verschlossen, weil die Zusage zur Besichtigung in letzter Minute zurückgezogen werden. Schade!

Geheim

Am Abend essen wir in einem Restaurant, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die alte armenische Küche wiederzubeleben. Hier wird nach Rezepten gekocht, die schon in Vergessenheit zu geraten drohten, zum Beispiel Ghapama, ein mit Nüssen, getrockneten Früchten und Reis gefüllter Kürbis, mit Honig begossen und etwa sechs stunden gebacken. Bei Wein und armenischer Live-Musik lassen wir es uns schmecken, um danach noch bei einem heiteren Umtrunk im Hotel den Tag zu beschließen. Schön war’s!

Kuerbis

Mittwoch, 4.11.2009, abends, Angelika und Robert Iwen

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