Jerewan – 14 Grad – Regen. Frisur sitzt soweit. Endlich haben wir wieder eine Nacht geschlafen – statt im Flieger verbracht. Die morgendliche Herausforderung: Frühstück am Buffet organisieren. Erster kritischer Moment, weil sich weder Besteck noch Kaffee einstellen. Also flexibel sein und Marmelade mit Brot aufstippen. Und selbstgebrauter Nescafé tut’s auch …
Es ist Sonntag, zudem Allerheiligen, wir besuchen heute die religiösen Zentren Armeniens. Erst mal, nicht weit von Jerewan, die Kirche Hripsime, eine urtümliche, recht stimmungsvolle kleine Kirche, der Märtyrerin gleichen Namens geweiht. Wie die meisten Märtyrer ereilte auch sie ein unappetitliches Schicksal, weil sie fromm und noch dazu hübsch war. Aber einen schönen Sarkophag hat sie bekommen, zu besichtigen in der niedrigen, stickigen Grabkammer. Ein Mädchenchor, blau gewandet, singt im beginnenden Gottesdienst, sehr nett. Hier erkennt man schon einige Grundzüge der armenischen Kirchenarchitektur: z. B. charakteristische Längs-Kerben in den tragenden Wänden – zur besseren Stabilität bei Erdbeben.

Wir fahren weiter zum religiösen Zentrum Armeniens, nach Etschmiatzin. Hier wohnt und wirkt das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche: der Katholikos. Eindeutig ein vielbesuchter Ort für die ganze armenische Familie, samt bookshop, in dem man u. a. Erde/geweihtes Wasser/Weihrauch aus Armenien kaufen kann. Haben die vielen Exil-Armenier hoffentlich auch dabei. In der Hauptkathedrale läuft gerade die ca. dreistündige Zeremonie. Praktischerweise kann man in Armenien einfach nur einem Teil des Gottesdienstes beiwohnen, es herrscht ein Kommen und Gehen. Und den Katholikos himself sehen wir tatsächlich auch noch einziehen … ihm voraus eine Hundertschaft von Priestern/Priesteranwärtern, die dort ausgebildet werden.


Sehr schön sind die gesammelten Kreuzsteine in der Nähe aus verschiedenen Epochen, teils unter abenteuerlichen Umständen vor der Vernichtung gerettet. Sehr deutliche keltische Knoten-Ornamente – anscheinend kamen die originär auch aus Armenien.

Nach Besichtigung der Schatzkammer von Etschmiazin (mit diversen Reliquien, z. B. einem Stück aus der Arche Noah, die ja auf dem Berg Ararat gestrandet sein soll), geht’s weiter zur Kirche Gayane, der Ziehmutter der Hripsime.
Hierauf folgt ein weiterer Höhepunkt: die Ruinen von Zwartnotz in der Nähe des Flughafens. Das Modell der antiken runden Kirche mit fünf Eingängen hatten wir schon am Vortag in ganzer Pracht im Museum gesehen, jetzt stehen nur noch die lange verschütteten Fundamente vor uns – man vermutet, dass die Kirche durch eine Explosion zerstört wurde. In der Ferne ist zum ersten Mal schemenhaft zwischen Wolken ein Teil des Berges Ararat zu erahnen, der unwirklich die armenische Hochebene überragt. Hoffentlich bekommen wir ihn diese Woche noch richtig zu sehen.

Zurück in der Stadt gönnt Catherine uns eine kleine Verschnaufpause im Café. Das Personal ist zwar deutlich überfordert mit unserer Reisegruppe, bleibt aber nach Art der Armenier ganz relaxed. Wir spazieren zu Fuß zurück zum Hotel und sehen u.a. eine Hochglanzseite der Stadt: einen neugebauten Prachtboulevard, der durch das alte Viertel gefräst wurde, gesäumt von ungemütlich wirkenden hochgeschossigen Imponierbauten mit Luxusläden unten und abartig teuren (entsprechend noch leerstehenden) Wohnungen oben. Rührend dagegen sind die großen handgemalten Theaterplakate an der Oper, die uns Catherine zeigt: Bei den Dauerbrenner-Stücken werden nur die Darstellernamen und Vorstellungstermine übermalt. Hier gibt es also noch richtige Schildermaler.



Abends geht es in einen netten Jazzclub in der Stadt. Bei Livemusik (Girl from Ipanema usw.) wird das wie immer sehr leckere Abendessen serviert. Auch hier schafft unsere Riesengruppe es wieder, die Weinvorräte des Lokals zu knacken, so dass wir uns auf intensive Tests des berühmten örtlichen Kognaks verlegen. Entsprechend beschwingt erklimmen wir anschließend noch die Kaskaden, eine endlose Treppenanlage hoch auf den Aussichtsberg. Oben bietet sich ein wunderschöner weiter Blick über die Stadt.



1.11.2009, abends, Claudia Badouin
Wie wunderbar ! Vielen Dank für all diese schönen Reiseeindrücke in Text und Bild. Ich wäre gerne dabei gewesen – auf diese Weise kann auch ich ein bisschen mitreisen …
Herzliche Grüße von Silvia Werfel, Wiesbaden
liebe typografische armenienreisende,
als kafffeeliebhabende typografin bedanke ich mich ganz besonders für das bild mit dem segafredo-schriftzug und grüße euch herzlich vom schreibtisch und freue mich auf erzähltes und erlebetes. sonja