In Fels gemeißelter Glaube: Kloster Geghard, eine Stunde südöstlich von Jerewan gelegen, vereint armenische Identität in besonderer Weise. Adelige haben es im 12. Jahrhundert am Talende der Azatschlucht in Tuffstein meißeln lassen, eine Kirche von bezwingender spiritueller Kraft und architektonisch ganz im Stile der großen Zeit vom dritten bis siebten Jahrhundert dazu gebaut und damit ein Monument hinterlassen, das Beharrlichkeit, Bildung und Religiösität gleichermaßen symbolisiert.

Die Legende zum Kloster lässt keinen Zweifel an der unmittelbaren Teilhabe der Armenier an der biblischen Geschichte zu. Es ist benannt nach der Lanze, die zum Kreuzestod Jesu geführt haben soll und die heute zu den Reliquienschätzen des Landes gehört. »Grigor, der Erleuchter« – Garant für nahezu alle religiösen Bezugspunkte des Volkes – soll es an Stelle eines heidnischen Quellenkults gegründet haben. Er und seine Vorgänger haben den Ort gut gewählt: hoch oben über der Schlucht auf 1500 Meter herrscht absolute Ruhe. Die profane Welt ist weit weg hinter karg bewachsenen, steilen Hängen. Keine Ablenkung stört die Konzentration auf das Wesentliche. Beste Handwerkskunst an Säulen, Altären und Kreuzsteinen lenkt die Gedanken.

Dass es davor zweifellos etwas anderes gab in diesem von Brüllhitze und Eiseskälte geprägten Land zeigt wenige Kilometer vor Geghard in Garni eine Kultstätte aus dem ersten Jahrhundert. Es ist höchst unklar, warum dieser säulengetragene Tempel im griechisch-römischen Stil als einziger Ritualort der Sonnenanbeter überlebt hat. Der Zerstörungswille der bald darauf herrschenden Christen machte alle anderen zu Bruchsteinhaufen. Dies schaffte in Garni erst ein Erdbeben in neuerer Zeit und dies nun wiederum brachte den Armenien »ihren« Helden der Arbeit. Der Titel wurde dem Baumeister für den Wiederaufbau verliehen.

Die Kultstätte steht an einem heiteren Ort, selbst wenn Wolken über die von Gras bewachsenen kahlen Berge ringsum wabern. Reben und Obstbäume gedeihen an den windgeschützten Hängen. Ein Badehaus aus römischer Zeit erinnert an die damals gerade guten Verbindungen zu Rom. Die Herren jener Zeit bauten in Basalt und Tuffstein. Heutige Armenier würden es wohl auch noch so tun, wäre es nicht billiger die neuen Wohnungen für den erhofften Zuzug der vielen Auslandsarmenier in Beton in die Innenstadt von Yerewan zu gießen.
Aber es gibt sie noch, die gute (alte) Zeit. Lavasch frisch aus dem tief in die Erde eingelassenen Steinofen, dem Tonir, lässt den »Fürst« fast vergessen, der da noch kommt. Allein das Spektakel des Einheizens mit trockenen Haselzweigen ist eine Sensation. Die Gruppe steht begeistert in der Hütte mit dem Loch in der Erde, erfreut sich am hochlodernden Feuer, bezweifelt die Funktionalität der Feuerstätte in Sachen Brot backen. Als die Frauen des Hauses das Sagen bekommen, wird es ernst. Strudelteig aus Wasser und Mehl wird ausgewellt, mit einem geschickten Dreh über die Hand durch die Luft auf die berühmten 50 mal 100 Zentimeter gebracht, über ein passendes stabiles Kissen gelegt, befeuchtet und mit einem ordentlich Schwung an die tiefliegend Ofenwand geklascht. Blasen quellen auf, ein kurzer Griff nach unten, ein Wurf und das Lavasch fällt der Gästeschar auf ein Tuch vor die Füße. Binnen Sekunden ist es auseinander gerissen, mit Kräutern und Käsestücken gefüllt, gerollt und gegessen. Der Gaumenschmeichler vor dem Essen fällt groß aus, die nachfolgende Vorspeise mit allem, was die Küche an Frischem bietet nicht minder und dann der Fürst, die armenische Forelle vom Grill wie auch die Kartoffeln.






Es ist zu viel des guten Essens. Schläfrige Stimmung im Bus gemischt mit ein bisschen Aufregung wegen des Zeitplans. Im Prinzip liegt linkerhand der Ararat, im Prinzip steht ein klassisches Konzert mit liturgischen Gesängen auf dem Programm. Aber es ist November und eine andere Zeit als die von Komitas die Chazen, der dafür einst sorgte, dass musikalisch vieles überlebt hat. Schlagzeug und Elektroorgel in Ergänzung zu Duduk, Kamantscha, Saz und Kanon konnte er sich nicht vorstellen. Die tgm’ler sind ihm da voraus – auch eine Erfahrung.
3.11.2009, abends, Edith Kopf