Buchsucht

9. Februar 2016, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Auch dada wird 100

Welchen Einfluss hat dada auf die Typografie? Eine Frage, die vielleicht seltsam klingt angesichts der Fülle von dadaistischen Schriftwirrnissen, die wir aus der Blütezeit des Dada kennen. Um der Frage nachzugehen begab ich mich auf die Suche; im beginnenden dada-Jahr (zum Hundertsten). Schon an drei Orten sind dada-Austellungen angekündigt. Und die letzte große Dada-Ausstellung war 1993 und 1994. Ein umfangreicher, sehr ruhig und klar gestalteter Katalog erinnert daran. Jetzt beschäftigen mich zunächst zwei Buch-Neuerscheinungen.



Das »dada-Almanach«, herausgegeben von Andreas Puff-Trojan und H. M. Compagnon, ist ein stattliches Almanach und enthält Textbilder, Lautgedichte und Manifeste. Die dada-Elite ist mit einer Auswahl ihrer  Arbeiten repräsentiert. Das Buch hat in der Gestaltung dadaistisches aufgenommen, spielt und interpretiert Dada. Da gibt es neben Originalabbildungen liebevoll nachgebaute Dada-Buchstabenfiguren. Satz und Umbruch sind hervorragend von Andrea Mogwitz ausgeführt und man spürt förmlich, wie die Gestalterin dieses Buch »gehegt« hat. Das Cover verkündet von Weitem schon: Dada. Allerdings zeigt sich das Buch auch sehr als Kind unserer Zeit. Papier und Ausstattung wirken gegenüber den eher schäbigen Dada-Originalen als sehr ästhetisch und vielleicht sogar etwas überhöht mit Lack, Prägung, offenen Deckelkanten, gelblichem geglätteten Papier und schwarz-rotem Druck. Aber alles sehr perfekt gemacht.

Neben der Text- und Bildauswahl vieler bekannter, aber auch manch seltener publizierten Texten finden wir in einer Appendix etwas über die dada Weltanschauungen, die Persönlichkeiten, hier dada-Leader genannt und die Orte, an denen dada zelebriert wurde.


 

 

Weniger vom Äußeren, mehr vom Inhalt und weil es eben soeben erschien, zeigt sich DADA, eine Jahrhundertgeschichte von Martin Mittelmeier als eine flüssig geschriebene Fundgrube der verworrenen dada-Welt, doch mit einem deutlichen Bezug zu späteren Jahren bis heute (nicht zu verkennen, der dadaistische Umgang mit den Gerichten in Prozessen gegen die Achtundsechziger).

Dada »als der explosivste, konsequenteste, schrillste und vielfältigste Versuch, Kunst, Literatur und Sprache aus den Fängen bürgerlicher Ideologie zu befreien«. Dada hatte kein Programm und wirkte und wirkt doch sehr. Die Zerrissenheit von Gedanken und Dingen, das Unübersichtliche der Zeit neben den vielen Ideen und Träumen machen die Dada-Geschichte ziemlich atemlos aufregend. Irritationen und Überdehnungen lassen Dada bald auseinanderdriften zu sehr vielen Dadas (Gurus und Meister, Orte und Länder).
Diese Jahrhundertgeschichte ist spannend erzählt und sieht Dada aus einem wohltuenden Abstand.

Die Typografie des Buches verzichtet auf visuelle dada-Anklänge, das ist auch nicht nötig. Unfreiwillig dadaistisch sind vielleicht die unlesbaren Bildlegenden (hellgrau; magere enge serifenlose Schrift).

Martin Mittelmeier
DADA. Eine Jahrhundertgeschichte
Siedler Verlag, München 2016
272 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
€ 22,99
ISBN 978-3-8275-0070-0

DADA-Almanach. Vom Aberwitz ästhetischer Contradiction.
Lautgedichte – Textbilder – Manifeste|
Herausgegeben von Andreas Puff-Trojan und H.M. Compagnon
Manesse Verlag, München 2016
176 Seiten
Zweifarbig geprägter und gedruckter Pappband
220 x 220 mm
€ 39,95
ISBN 978-3-7175-4091-5

Welchen Einfluss hatte nun dada auf die Typografie unserer Zeit? Die Schriftsetzer hatten dada wohl eher verachtet (Fischhaufen), die Prinzipale der Druckereien vielleicht kopfschüttelnd betrachtet. Direkte Einflüsse finden sich auf die eigenen kommerziellen Arbeiten wie beispielsweise bei Schwitters. In Reklame und Werbung brauchte es noch lange bis man den Witz akzeptierte oder verstand. Vielleicht gehen erst Wortspiele und Typotextspielereien ab den achtziger Jahren auf dada zurück. Noch bin ich auf der Suche nach Arbeiten, die sich mit dem Einfluss der dada-Typografie auf die spätere Zeit beschäftigen. dada-Literatur und konkrete Poesie hängen vielleicht eher zusammen. Unfreiwilligen dada aber gibt es zur Genüge.

Cover des Katalogs von 1993

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