Nachtkritik

28. Januar 2013, 0 Kommentare
Rudolf Paulus Gorbach

Annett Zinsmeisters Systemsicht der Platte

Die Künstlerin Annett Zinsmeister sieht all ihre Arbeiten unter dem Thema »Umbruch mit Wandel«. Und das scheint nicht nur ein Kompliment an das Jahresthema der tgm zu sein sondern sie zeigte das auch. Da fällt auch gleich das Zitat von Heraklit: Nichts ist so beständig wie der Wandel. Über den Titel ihres Vortrags »Wahrnehmung gestalten« rätselte sie etwas. Und vielleicht sind es ja auch zwei völlig verschiedene Bereiche: Wahrnehmung von Gestaltung oder das Gestalten, um etwas wahrzunehmen?

Den Raum als Thema des Wandels der Städte beobachtete sie beispielsweise mit dem Wandel Berlins seit 1989. Bedeuten Veränderungen Befreiung oder ist es eher schmerzhaft? Stuttgart 21 wird nach wie vor bekämpft, aber sie findet, daß die Diskussion eher spaltend wirkt. Nähe und Ferne nähern sich in unserer Gesellschaft; das Private wird weniger. Was bedeutet dann Identität, wo finden wir sie, und wo in der Architektur?  Ihr Versuch, Architektur, Kunst und Wissenschaft gleichzeitig zusammen zu bringen zeichnet sie als Künstlerin aus. Und sie bekennt, daß »das Schreibzeug an den Gedanken mitarbeitet« (Nietzsche).

© Annett Zinsmeister: Virtual Interior UM sw space installation 2007, documented in lightbox with large-scale back-lit laserchrome, 61 x 100 x 10 cm


Ihre Projekte sind alle sehr interessant, wenn man sich mit Gestaltung generell auseinandersetzt. Bei Libeskinds jüdischem Museum in Berlin, wo das Thema Fenster, Durchbruch bedeutet. Oder Situationen in Berlin mit historischen Spuren wie beim ehemaligen Außenministerium, das saniert und dann abgerissen wurde. In Mehrfachbelichtungen bildet sie verschiedene Zeiten ab »Berlin Tuning«. Gegenstände der DDR-Kultur anhand der Warenwelt werden als Raumkonzept für Fehlprodukte der DDR untersucht.

Den Plattenbau sieht Annäht Zinsmeister als kulturelles Phänomen. In der DDR waren dort begehrte Wohnungen. Diese Gebäude breiteten sich nicht nur in Berlin (z.B. Berlin Lichtenberg)aus, sondern wurden weltweit gebaut. Dabei handelt es sich um bestimmte Gebäudetypen die immer wieder errichtet wurden. Ein Standartsortiment wurde als Baukasten verwendet. Die verschiedenen Bautypen sollten eigentlich gemischt werden, was aber mit Fünf-Jahresplänen nicht möglich war. Die dabei vorgesehenen Fassaden und Gebäudetypen hat Zinsmeister erforscht und bestimmt.
Es ist eine Architektur des Verschwindens, da diese inzwischen ja weitgehend renoviert und verhübscht wurden. Und so tritt die »Platte« in ganz verschiedenen Projekten Annett Zinsmeisters immer wieder auf, wie bei einem Fassaden Memory; Plattenbau im Raster und den einzelnen Elementen (Museum Osthaus 2002); Mediale Module: neue Fasaden in Form von Tapeten; der Plattenbau als Wand; Plattenbau im Fahrstuhlschacht (Rasterfahndung Stuttgart, Kunstmuseum 2012) oder Minimalismus und Erschauen durch Fassadenwände (Solitude). Und dazu sind für alle Projekte Bücher erschienen.


© Annett Zinsmeister: Plattenbau P2/11 1993-03 c-print, alu dibond, 80 x 80 cm


Wieder andere Projekte befassen sich beispielsweise mit der Identität der Bewohner Nürtingens oder der Zerstörung Sarajevos, der Zerstörung einer kulturellen Stadt und wie damit umgegangen wird. Hierbei zeigt sie verfremdete Fotografien die einen anderen Blick provozieren sollen, vielleicht auch um aus der üblichen Bilderflut herauszukommen.
Mehr über Annett Zinsmeister: www.annett-zinsmeister.de

© Annett Zinsmeister: Plattenbau ornament 1993-03 c-print, alu dibond, 80 x 80 cm

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

CAPTCHA

Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisiertem Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.